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Tucholskys Verkehr – mit aktueller Anmerkung zum Ampelgehorsam

Der Verkehr

Der Verkehr ist in Deutschland zu einer nationalen Zwangsvorstellung geworden. Zunächst sind die deutschen Städter auf ihren Verkehr stolz. Ich habe nie ergründen können, aus welchem Grunde. Krach auf den Straßen, Staub und viele Autos sind die Begleiterscheinung eines Städtebaues, der mit den neuen Formen nicht fertig wird – wie kann man darauf stolz sein?

Es ist wohl so, dass sich der Einzelne als irgendetwas fühlen muss – der soziale Geltungsdrang, an so vielen Stellen abgestoppt, gebremst, zunichte gemacht, findet hier sein Ventil und dringt zischend ins Freie. „Was sagen Sie zu dem Verkehr bei uns?“ Da sagen wir denn also, dass er überall in Deutschland, ohne jede Ausnahme, viel kleiner ist als etwa der in Paris – die Pariser aber sind über ihre verunstalteten Boulevards todunglücklich und trauern der alten, schönen Zeit nach, da man dort noch spazieren gehen konnte… heute bläst es aus tausend Hupen.

Nachdem die allgemeine Wehrpflicht weggefallen war, sah sich der Deutsche nach einem Ersatz um. Die Wohnungsämter… das war schon ganz schön, aber noch nicht das Richtige. Die Sportverbände – hm. Die Reichswehr: zu klein. Da fuhren ein paar tüchtige Beamte nach Amerika und London, kamen, sahen, machten Notizen… und der Ersatz war gefunden. Der Ersatz der allgemeinen Wehrpflicht ist die deutsche Verkehrsregelung.
Was da zusammengeregelt wird, geht auf keine Kuhhaut.

Die organisationswütigen Verwaltungsbeamten haben jeden gesunden Sinn für Maß und Ziel verloren; sieht man sich dieses Gefuchtel, Geblink, Geklingel und Gewink an, so wird einem Angst und Bange – vor lauter Leitern, Regelern, Organisatoren ist nur eines nicht zu sehen: der Verkehr.

Es wird zunächst viel zuviel geregelt. Wo im Ausland ein einziger Polizist still an der Ecke steht und ab und zu einen helfenden Wink gibt, steht hier der Büttel. Dem kommt es oft gar nicht darauf an, den Fahrenden oder den Gehenden wirklich zu helfen. Wie immer in Deutschland, ist hier kodifiziertes Recht; diese Regelung hat weiter keinen Wunsch und Willen, als den von ihr aufgestellten Regeln um ihrer selbst willen Geltung zu verschaffen. Es ist die Staatsautorität, die hier herumwirtschaftet.

Das zeigt sich in erster Linie an der sinnlosen Mechanisierung der Regelung. Gehst du zum Beispiel durch Berlin, so siehst du an Hunderten von Stellen Wagen halten, ohne dass ein anderer Grund dafür vorläge, als dass vor ihnen eine rote Lampe brennt, die übrigens so aufgehängt ist, dass sie der vorderste Fahrer im geschlossenen Wagen kaum sehen kann. Ganz mechanisch wird das gemacht; auf einer „Zentrale“, diesem Ideal aller Organisatoren, läuft ein Apparat, und vierzehn Straßenzüge sind gesperrt, große, kleine, belebte, leere – darauf kommt es gar nicht an. Es kommt auf die rote Lampe an. Da stehen nun die Wagen. Und warten. Und verlieren Zeit.
Es ist eine Qual, durch Berlin zu fahren.

Die Folgen dieser Reglerei sind denn auch katastrophal. Kommt ein Wagen an eine Straßenecke, so ist das ein „Problem“; die Radfahrer sitzen ab, alle Leute haben eine überspitzte Aufmerksamkeit, in ihre Augen tritt ein seltsamer Ausdruck: sie machen Fahrdienst. Nichts ist locker, alles ist gespannt, viel zu sehr gespannt, um nicht bei jeder kleinen Schwierigkeit zu reißen – alle machen Dienst.
Es ist so viel Freude am Befehlen in diesem Kram; die Mienen, das Betragen der meisten Polizisten, besonders in den größeren Städten, haben durchaus etwas Vorgesetztenhaftes; sie kämen gar nicht auf den Gedanken, dass sie dazu da sind, den Verkehr zu glätten – sie achten auf die Durchführung von Vorschriften, die keinen andern Sinn haben, als durchgeführt zu werden. Das kommt den Leuten kaum zum Bewusstsein – so eingedrillt ist ihnen das alles. Man spürt in jeder Faser, wie im regelnden Polizeimann eine Stimme singt: „Vor allem halte hier mal an. Und dann werden wir weiter sehen. Und so einfach weitergefahren wird auch nicht – das ist hier eine ernste Sache, und die hast du zu respektieren.“ Und ob sie sie respektieren! Sie sind wirklich stolz darauf, gewissermaßen kantig zu gehorchen, es ist das alte Kommiss, das unausrottbar in ihrem Blut sitzt – ruck, zuck – und so fahren sie.
Und so fahren sie, und niemand fährt so unkameradschaftlich wie sie. Von dem Martyrium alleinfahrender Damen, die nicht hübsch sind, will ich gar nicht einmal reden; das Auto ist ja in Deutschland durch die irrsinnige Steuerpolitik, durch die systematische Vernichtung der Konsumkraft noch lange nicht Sache des kleinen Mannes, wie viel Neid schwirrt um die Wagen! Wenn sie auch nicht überall, wie manchmal in Bayern, den Autofahrern Messer in die Wagen werfen: sehr freundlich werden die nicht angesehen. Aber noch unfreundlicher behandeln sie sich untereinander.

Der Deutsche fährt nicht wie andere Menschen. Er fährt, um recht zu haben. Dem Polizisten gegenüber; dem Fußgänger gegenüber, der es übrigens ebenso treibt – und vor allem dem fahrenden Nachbar gegenüber. Rücksicht nehmen? um die entscheidende Spur nachgeben? auflockern? nett sein, weil das praktischer ist? Na, das wär ja… Es gibt bereits Frageecken in den großen Zeitungen, wo im vollen Ernst Situationen aus dem Straßenleben beschrieben werden, damit nun nachher wenigstens theoretisch die einzig „richtige Lösung gestellt“ werden kann – man kann das in keine andere Sprache übersetzen. Als ob es eine solche Lösung gäbe! Als ob es nicht immer, von den paar groben Fällen abgesehen, auf die weiche Nachgiebigkeit, auf die Geschicklichkeit, auf die Geistesgegenwart ankäme, eben auf das Runde, und nicht auf das Viereckige! Aber nichts davon. Mit einer Sturheit, die geradezu von einem Kasernenhof importiert erscheint, fährt Wagen gegen Wagen, weil er das „Vorfahrrecht“ hat; brüllen sich die Leute an, statt sich entgegenzukommen – sie haben ja alle so recht! Als Oberster kommt dann der Polizeimann dazu, und vor dem haben sie alle unrecht.

Die feinen Leute in Berlin sind sehr stolz darauf, daß die „beliebtesten“ Polizisten zu Weihnachten von den Autofahrern so viel Geschenke bekommen, wie die für arme Kinder niemals übrig hätten – wie viel Anmeierei ist darin, Untertanenhaftigkeit, Feigheit, Angst und Anerkennung der Obrigkeit; denn Ordnung muss sein, und anders können sie sich Ordnung nicht vorstellen.
Es ist keine Ordnung. Es ist organisierte Rüpelei.

Daher ihre völlige Ohnmacht, wenn sie in Paris fahren sollen, wo die Fahrer einen einzigen Strom bilden, im dem jeder falsche Individualismus völlig verschwindet, in dem es wenig Regeln, aber sehr viel Entgegenkommen gibt, sehr viel Rücksicht auf den Fußgänger, sehr viel Fluidum zwischen den Fahrenden – kurz, trotz aller Polizeivorschriften lauter Dinge, die nicht in den Lehrbüchern stehen. Wie kommt das?

Das kommt daher, dass die Deutschen sich einbilden, man könne eine Sache zu Ende organisieren. Das kann man eben nicht. Man kann eben nicht alles kodifizieren, vorher bestimmen, ein für allemal voraussehen, alle jemals vorkommenden Lagen bedenken, sie „regeln“ und dann keinen Einspruch mehr gelten lassen… so sieht die Justiz dieses Landes aus, und sie ist auch danach. Auf den Straßen aber ergibt sich das groteske Zerrbild, dass der Fußgänger der Feind des Autos ist, das er neidisch und verächtlich ignoriert – er wird es den Brüdern schon zeigen -; der Fahrer Feind des Fußgängers – wo ick fahre, da fahre ick – ums Verrecken bremst er nicht vorsichtig ab, fährt nicht um den Fußgänger herum, weil „der ja ausweichen kann“… und aller Feind ist der regelnde Mann: der Polizist.
Das Ideal dieses Verkehrs sieht so aus, dass vom Brandenburger Tor herunter alle Städte des Reichs durch einen Reichsverkehrswart geregelt werden, überall hat zu gleicher Zeit ein grünes Licht aufzuleuchten, und gehorsam und scharf anfahrend, setzen sich 63 657 Wagen in Fahrt. Das wäre ein Fest…
Schade, dass es nicht geht. Aber er ist auch so schon ganz hübsch, der deutsche Verkehr. Man fährt am besten um ihn herum.

(Kurt Tucholsky in „Deutschland, Deutschland über alles„, 1929)


Und wie sieht es knapp 90 Jahre später aus?

Inzwischen haben wir 55 Millionen zugelassene Autos in Deutschland – und bei allem Schaden, den sie anrichten, ist von der „Motorphobia“ Anfang des letzten Jahrhunderts nichts geblieben. Obwohl immer noch über 40 Millionen Menschen in Deutschland keinen PKW-Führerschein haben hat Recht, wer im Auto sitzt. Es darf in Deutschland zwar kein Hahn ungefragt krähen und keine Kuh aus reiner Lust muhen, Biergärten müssen um 22 Uhr ihren Betrieb einstellen und Behinderte dürfen in der Mittagspause des Nachbarn nicht brabbeln, doch der Verkehr darf rollen, lautstark und stinkig. Schließlich dient jedes automobil durchs Land geschaukelte Gramm Fett, Hirn oder Holländische Schlangengurke dem Aufschwung.
Unverändert zu Tucholskys Zeiten ist dabei das Instrumentarium , mit dem staatlicherseits der bahnbrechende „Individualverkehr“ justiert wird: Es gibt grüne Ampeln und Durchbretterschilder (Zeichen 306), es gibt rote Ampeln und Stoppschilder (Zeichen 206). Und es gibt eine Hand voll Leute, die bestimmen, was grün und was rot ist. Der Rest hat zu spuren.

So ist denn der Straßenverkehr mit all seinen absurden Regelungen unserer Politiker ein einziger Herrschaftstumor, wild wuchernd und streuend. Nehmen wir die Ampel, von Menschen, die mit uns ganz offensichtlich nicht die Muttersprache teilen, auch »Lichtsignalanlage« genannt. Um uns im Verkehr zu beherrschen, gibt es davon etwa 80.000 in Deutschland (deren Wartung allein schon 250 Millionen Euro p.a. kostet). Die meisten davon sind als moderne Menschheitsgeißel schlichtweg überflüssig, weshalb wir uns über wenig so sehr freuen wie über ihren Ausfall.
Die Ampel bringt den modernen Homo sapiens auf das geistige Level einer Kartoffel. Bringt man diese ins Licht, wird sie grün, legt man sie zurück in die dunkle Kammer, wird sie wieder braun. So hat auch der ampelkonforme Mensch zu funktionieren. Strengstens verboten ist jede Art von Hirntätigkeit – Autofahren nach STVO hat mit dem Rückenmark zu geschehen.

Da ist doch tatsächlich ein Mensch mit seinem Auto nachts an einer roten Fußgängerampel stehen geblieben, um nach kurzem Warten dann doch die Fahrt fortzusetzen – trotz Rotlicht,  war ja nix los. Das Bayerische Oberste Landesgericht entschied am 6. März 2003:

»Der Verordnungsgeber war […] der Auffassung, bei Kreuzungsampeln – und dazu zählen auch Fußgängerampeln – sei eine abstrakte Gefährdung grundsätzlich zu unterstellen. Es ist deshalb nicht zulässig, diesen Grundsatz dahingehend einzuschränken, dass Handlungen, die im konkreten Fall ungeeignet sind, das geschützte Rechtsgut in Gefahr zu bringen, von Nr. 132.2 BKat ausgenommen werden. Es war gerade das Anliegen des Verordnungsgebers, die abstrakte Gefährdung typisierend festzulegen.
Diese Grundentscheidung […] ist auch von den Gerichten zu beachten. Ausnahmen können dafür allenfalls zugelassen werden, wenn eine auch nur abstrakte Gefährdung völlig ausgeschlossen ist.«

Im Klartext heißt dies: Der Autofahrer, der an einer menschenleeren Fußgängerampel zunächst gehalten hatte, dann aber weitergefahren war, bringt die nicht vorhandenen Menschen abstrakt in Gefahr – und das ist verboten! Damit es auch der Nicht-Jurist versteht, formuliert das Gericht daher noch mal klar das Denkverbot:

»Deshalb kommt es nicht darauf an, ob im konkreten Fall eine konkrete Gefahr ausgeschlossen war. Aus Gründen der Verkehrssicherheit hält es der Senat erst recht nicht für hinnehmbar, wenn es der Entscheidung des einzelnen Verkehrsteilnehmers überlassen bliebe, ob eine konkrete Gefahr gegeben ist, und ob und wie lange er auf Grund seiner subjektiven Einschätzung der Verkehrssituation ein Rotlicht beachtet.«

Was hat das mit Herrschaft zu tun? Der Bußgeldkatalog für Verkehrsverstöße ist eine Verordnung, kein Gesetz. Es wird ausgeheckt von Beamten des Verkehrs- und Justizministeriums. Keine öffentliche Debatte, keine demokratische Entscheidung – man kann ja nicht über alles reden. Gleichwohl bindet es, wie wir sehen, natürlich die Gerichte. Weil also der »Verordnungsgeber« nach Gutdünken Rechtsverstöße konstruiert – hier die Gefährdung von Fußgängern, die es gar nicht gibt – ist der Führerschein für einen Monat weg.

Wer das zweiminütige Warten vor einer unbenutzten Fußgängerampel nicht als Herrschaft versteht, sondern als einen nötigen Mosaikstein in der Staatsorganisation, den sollten wir eher mit dem dringenden Verdacht auf gemeingefährlichen Kadavergehorsam einem Psychiater vorstellen, als vom Rotlichtfahrer den Lappen zu kassieren.
Ampelgehorsam ist keine Frage von Political Correctness, Ampelgehorsam ist Alarmstufe rot auf der Verblödungs-Skala. Es geht nicht um zwei Minuten Zeitgewinn – für was auch – es geht um „die Staatsautorität, die hier herumwirtschaftet“. Was traut uns eigentlich der Staat zu, was trauen wir uns selbst gegenseitig zu, wenn schon die Entscheidung, an einer menschenleeren, roten Ampel zu verweilen oder eben nicht offenbar unsere gerichtlich attestierte Kompetenz weit überschreitet.

(Timo Rieg, gekürzt aus „Verbannung nach Helgoland – Reich & glücklich ohne Politiker. Ein Masterplan für alle Stammtische und Kegelclubs draußen im Land.“)

Visitenkarte

Als das Pärchen im französischen Film mit deutschen Untertiteln zum dritten Mal in der gleichen, vermutlich selben Stellung vögelt, klappt die Besitzerin eine Sitzreihe schräg vor mir ihren Laptop zu. Im Gegensatz zu ihr war ich noch nicht fertig. Oder wartet auch sie nur auf einen mehr Entfaltungsmöglichkeiten bietenden Ortswechsel, um den Film weiter zu schauen?
Dass ich den Film bis hierher geschaut habe, hat doch sie zu verantworten! Es war nicht mein Plan, ich wollte arbeiten. Bin ich ein Kollateralschaden, wie der Passant, der unfreiwillig zum Unfall-Zeugen wird, der mit seinem Trauma aber alleingelassen wird, weil er nicht als Beteiligter gilt?
Ich erhebe mich, um Richtung ICE-Bordrestaurant zu gehen – und sage im Vorbeigehen: „Auf revoir“

(Fred Steinhauer)

Krähen zerstören Lichtschranke der Bahn

19:30 Uhr, Anfang Mai, ein Zug der HLB öffnet auf Knopfdruck immerhin schon die Türe, um Reisende eines verspäteten ICE aufzunehmen, für die sich nun eine zweistündige Verschiebung ergibt (eine dichtere Taktung gibt es im Entwicklungsland D nur auf ausgesuchten Strecken, aber niemals so spät in der Nacht). Da der Dieselmotor des Triebfahrzeugs noch nicht ökodynamisch vor sich hin lärmt und somit logischerweise die Klimaanlage nicht läuft (Bahnlogik: ohne Ölverbrennung keine Kälte), organisiert ein leitungserfahrener Fahrgast einen alle 5 Minuten wechselnden Türsteherdienst, damit durch die gezielte Behinderung der Lichtschranke die Wagontür am piependen Schließen gehindert wird und angenehme Außenluft (Anfang Mai!) in das subtropisch sonnentemperierte Transportbehältnis zieht.

Die lebensrettende Sofortmaßnahme wird gut 30 Minuten vor dem planmäßigen Abflug jäh beendet. Interessant ist die Begründung des Hessischen Landknipsers: dadurch, dass wir der Lichtschranke ein Beinchen stellen, gehe die Türautomatik kaputt.

Was wir tief erschrocken sofort in unseren Glaubenskanon aufnahmen. Gibt es doch bei der Bahn nichts, was nicht leichterhand kaputt gehen könnte.

Kotzen ist das Friedlichste, was wir tun können

Mit seiner Performance zum Unterschied zwischen Kritik und Schmähkritik ist Jan Böhmermann ein Meisterwerk der Satire geglückt (die Kollegen sind noch Wochen danach vor Entzücken der Welt entrückt…). Doch offenbar hat Böhmermann nicht das Format für einen Satiriker. Als er sich nun nach wochenlanger Reifezeit via ZEIT zurückgemeldet hat, gibt er – bemüht wirkend – nur den Komiker. Message nach all dem Rummel? Null! Steigerung, neuer Impuls, Persiflage des massenhaft publizierten Schwachsinns? Nichts! Keine Schmähung all der Flachpfeifen, die mit ihrer Verstand ersetzenden Piefigkeit die Abflüsse der Nachrichtenströme verstopft hatten. Stattdessen etwas – offenbar nicht gespielte – Weinerlichkeit, wie sie schon vorher in der „Causa Erdogan“ von ihm zu vernehmen war. Wie elend. Continue reading

Künstleraufruf: Für das Recht auf Beleidigtsein

satire-halalDer Fall Böhmermann und die auch nach zwei Wochen intensive, aber gleichwohl ergebnislose juristische Diskussion um die Zulässigkeit einer Satire zeigen überdeutlich, welch Rechtsunsicherheit mit dem Straftatbestand der Beleidigung verbreitet wird. Welches Arschloch darf man in diesem freien Land ein Arschloch zeihen? Niemand weiß es, und im Einzelfall entscheiden Wetter und Menstruation.

Wir Freunde des freien Wortes und der nackten Künste fordern die Abschaffung des Repressionsparagraphen 185 StGB! Der Meinungs- und Kunstfreiheit darf der gestrige geistige Horizont einzelner Journalisten und Religionsfetischisten keine Schranken bilden.
Was Juristen „Beleidigung“ nennen, ist Kritik, die nur trifft, wenn sie zutrifft. Die Beleidigung ist ein Schuh, den sich ein Beleidigtfühlender selbst anziehen muss.

Angesichts des Wahnsinns in dieser Welt und seiner ungestraft herumlaufenden Protegés braucht es viel mehr öffentliche Wut, die derzeit unter § 185 StGB fällt. Deshalb: hinfort mit ihm, dem sackdummen Ziegenparagraphen.

Beleidigte Leberwürste gehören in die Pfanne, nicht auf die (Neben-)Klägerbank.

Unterzeichnen Sie jetzt!

PS: Wer es ausführlicher braucht: „Beleidigungsfreiheit ist ein Grundrecht
Darin u.a.: „Richter haben nicht über Kunst zu befinden. Ein Konzert, der Vortrag eigener Lieder vor Publikum, dürfte unstreitig Kunst sein. Richtern steht es schlicht nicht zu, nun einzelne Teile, Sequenzen, Minuten, Räume oder was auch immer vom Kunstbegriff auszunehmen: das verbietet die Freiheit der Kunst, die nicht unter einem richterlichen Gefallensvorbehalt steht.
Allerdings bräuchte es für eine sanktionsfreie Arschloch-Zeihung gar keine Kunstfreiheit – die Meinungsfreiheit aus demselben Artikel 5 des Grundgesetzes muss dafür völlig genügen.
Schon die Unterscheidungsversuche von Meinung und Tatsachenbehauptung sind Mumpitz – und zwar, da haben wir den Salat: wahlweise Meinungs- oder Tatsachen-Mumpitz.
Andererseits wird sehr häufig eine Tatsachenbehauptung gar nicht geprüft, sondern mit der üblichen richterlichen Larmoyanz als Schmähkritik (also: nicht-zulässige­ Meinung) weggewischt. Unter anderem das „Arschloch“ eben. Denn selbstverständlich, bitte schön, das weiß jeder, gibt es Arschlöcher auf der Welt, und leider nicht zu knapp. Doch anstatt sich die Mühe einer Prüfung zu machen, ob dies auf den so Bezeichneten aus dem Kontext des Bezeichnenden heraus zutrifft, rümpft  der Richterstand nur kurz die Nase und schüttelt den Kopf: durchgefallen. Qua unserer gottgegebenen Beurteilungsvollmacht.
Oder haben Sie schon mal eine Beweisaufnahme erlebt zur Klärung des Arschlochfaktors eines Klägers?“

Deutsche Richter

Von einer Vertrauenskrise der Justiz kann in Wahrheit keine Rede mehr sein. Eine Krise ist jener ungewisse Zustand, in dem sich etwas entscheiden soll: Tod oder Leben – Ja oder Nein. Die deutsche Arbeiterschaft hat entschieden: Nein.
Abgesehen davon, dass es keinen unpolitischen Strafprozess gibt, weil in der Welt überhaupt nichts unpolitisch ist, darf gesagt werden, dass wir eine Rechtsprechung und eine Rechtsfindung bei politischen Tatbeständen nicht haben.
Bei einer administrativen Maßnahme, etwa der Verweigerung einer Schankkonzession, nimmt ein vollsinniger Mensch an, dass die verweigernde Behörde mit der Begründung ihrer Ablehnung einen objektiven Befund festgestellt habe; sie hat nur vom Verfügungsrecht einer verwaltenden Staatsbehörde Gebrauch gemacht. Die Konzessionsverweigerung entehrt den abgewiesenen Schankwirt nicht, sie besagt auch nichts über das tatsächliche Bedürfnis nach Schankstätten. Ein solcher Beschluss ist nichts als eine Maßnahme der Verwaltung, vorgenommen aus Zweckmäßigkeitsgründen. Folgerungen sind nicht daran zu knüpfen – jede Tätigkeit einer Verwaltungsbehörde sagt nur über sie selbst etwas aus.
So, genau so sind die Gerichtsurteile der letzten Jahrzehnte anzusehen, soweit sie sich mit rein politischen Tatbeständen befassen. […] Continue reading

Aussterbende Wörter: „Reiseruf“

Da hatte das sich für jung haltende Volk aber was zu lachen. Wegen einer Streckensperrung hält der ICE aus Berlin nicht wie geplant und von manch einem gebucht in Wolfsburg. Das kann man mit Youtube-Fail-trainiertem Humorverständnis an sich schon lustig finden. Doch dann sagt der Schaffner noch folgendes durch: „Ein Reiseruf für Herrn Müllermeierschmidt mit dem Reiseziel Wolfsburg: Bitte fahren Sie mit uns bis Braunschweig, Sie werden dort am Bahnhof abgeholt.“

Eine solche, sicherlich an einen tüddeligen Opa adressierte Information ist für Menschen, die jede gemutmaßte Zugverspätung von 30 Sekunden mindestens Mama, Oma und den zwei besten Freundinnen mitteilen müssen, damit die sich keine Sorgen machen und schon mal das nötige Mitleid aufbauen für diese erlittenen Reisekatastrophen, was bis vor der Verbreitung von Whatsapp zwar nicht durch den ganzen Zug, aber doch durch den halben Wagon schwappte und das gleich von einem halben Dutzend Sendestationen, verständlicherweise lächerlich.

ZDF fordert Schießbefehl gegen Pegida

heute-show-storch-pegidaDie ZDF-Sendung „heute show“ hat unter dem Applaus tausender Fans den Schießbefehl gegen Pegida-Anhänger gefordert. In einem Interview mit dem Mannheimer Morgen sagte Anchorman Oliver Welke: „Die Sittenpolizei muss den illegalen Grenzüberschritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz, Artikel  1 GG.“ Allerdings dürfe nur jetzt im Winter außerhalb der Wurfzeit geschossen werden und nur auf Pegidaisten, die das deutsche Wort „Halt“ nicht verstehen. Schließlich schieße auch ein Fußballerklärer nicht gerne, wenngleich der Jubel der Südkurve natürlich verlockend sei.

Polizei zieht gefährliche Autofahrer aus dem Verkehr

Schlechte Leistung der Kasseler Polizei: Nur eine Bissverletzung schaffte der Kasseler Polizeisportverein Haudrauf 1998 am Wochenende bei den German Open im Querfeldein-Catchen. Zwar setzte ein flüchtiger 16-Jähriger das elterliche Auto sehr schön gegen einen Baum, blieb dabei jedoch unverletzt. Erst bei der weiteren Verfolgung zu Fuß gelang es der Polizei, mit Polizeihund Zsölmer eine Bissverletzung in den Unterschenkel zu setzen. Die Wertung der Punktrichter lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Ziel des polizeilichen Querfeldein-Catchens ist es, möglichst junge Leute spontan in die Flucht zu schlagen und in einen Unfall zu treiben. Die voll Punktzahl für einen Finalcrash kann dabei nur selten vergeben werden. Im Mai 2014 setzte in Hameln ein vor der Polizei flüchtender 32-Jähriger sich, seinen VW Golf und einen Beifahrer frontal vor einen LKW. Den Lappen brauchte er danach nicht mehr, die MPU entfiel.
Ähnlich erfolgreich operierte die Polizei im September 2012 bei Senftenberg: auf der Flucht kommt dem Golf ein Straßenbaum in die Quere,  der 22-jährige Jüngling stirbt.
Ähnlich Dezember 2011 in Irgertsheim (Foto, ausführlicher Polizeibericht), wofür die Komiker vom Darwinpreis den Begriff „Polizeiflüchtling“ schöpften.
Einen 27-Jährigen brachte die Polizei November 2011 auf der Kreisstraße SAD bei Schwarzenfeld/ Regensburg zur Strecke.
Einen Toten (18) und einen Schwerstverletzten (22) erzielte die Polizei bei Osterwieck  im Harz April 2014. In Mönchengladbach verfolgt die Polizei im Februar 2012 einen 17-Jährigen, doch an seiner statt blieb die 19-jährige Beifahrerin auf der Strecke.
Eine besonders schöne Choreographie gelang einer polizeilichen Verfolgung im Januar 2015 bei Hoyerswerda: der Delinquent versuchte als Geisterfahrer zu entkommen, schaffte es aber nur bis zum Geist.

Im Dezember 2008 gelang es der Berliner Polizei , einen 19- und einen 21-jährigen  aus dem Verkehr zu ziehen.   In Ismaning hingegen floss trotz 15-minütiger Verfolgung mit 90 Sachen durch Tempo 30-Zonen, 10 Einsatzwagen und einem vorbildlichen Stop am Baum kein Blut.  Ganz kläglich scheiterten auch die Beamten in Neumarkt/ Deining, wo es ihnen selbst mit Hubschraubereinsatz nicht gelang, zwei Mundwasserdiebe zu stellen.

Dickes Ding bei FOCUS

untaetigkeitsvorwurfMan muss sich in diesem Land ja viel anhören, von allen Seiten, aber das ist doch ein dickes Ding jetzt, was der Focus uns vorwirft: Untätigkeit nämlich, Faulheit, Müßiggang. Weil wir nicht schnell genug mit sozialer Interaktion eine Lesebestätigung gesetzt haben, giftet uns diese Münchner Illustrierte an:  „Sie waren einige Zeit inaktiv.“

Aber was mag bei den Focüssen schon „inaktiv“ sein, wenn wir uns betrachten, in was ihre Aktivität besteht: in unserem Browser herumzufuschen, eine aufgerufene Seite unlesbar zu machen und uns mitzuteilen, dass sich die Welt auch in den letzten Sekunden weiter gedreht hat.

Unsere analogen Heftchen in der Redaktion merken sich übrigens auch die zuletzt aufgeschlagenen Bilder. Wenn nicht irgendein Praktikant sie verblättert, wird dieser Service dauerhaft und ohne einen Anflug von Leistungsstolz angeboten.

Und ohne Aufdringlichkeit. Mit der uns zuletzt die uns nicht für faul, sondern nur senil haltende FAZ begegnet: „Falls Sie es verpasst haben: Dieser Artikel hat Sie diese Woche besonders interessiert.“