Kategorie-Archiv: Bahn

Aussterbende Wörter: „Reiseruf“

Da hatte das sich für jung haltende Volk aber was zu lachen. Wegen einer Streckensperrung hält der ICE aus Berlin nicht wie geplant und von manch einem gebucht in Wolfsburg. Das kann man mit Youtube-Fail-trainiertem Humorverständnis an sich schon lustig finden. Doch dann sagt der Schaffner noch folgendes durch: „Ein Reiseruf für Herrn Müllermeierschmidt mit dem Reiseziel Wolfsburg: Bitte fahren Sie mit uns bis Braunschweig, Sie werden dort am Bahnhof abgeholt.“

Eine solche, sicherlich an einen tüddeligen Opa adressierte Information ist für Menschen, die jede gemutmaßte Zugverspätung von 30 Sekunden mindestens Mama, Oma und den zwei besten Freundinnen mitteilen müssen, damit die sich keine Sorgen machen und schon mal das nötige Mitleid aufbauen für diese erlittenen Reisekatastrophen, was bis vor der Verbreitung von Whatsapp zwar nicht durch den ganzen Zug, aber doch durch den halben Wagon schwappte und das gleich von einem halben Dutzend Sendestationen, verständlicherweise lächerlich.

Der geheime Plan hinter den Todesbussen

vgo-bushaltestelleSehr geehrte VGO-Presseleute,
seit Jahren grübeln und recherchieren wir, was Unternehmen des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) dazu treibt, zum Transport von Menschen Busse zu benutzen, die bis auf das Zigarettenfenster beim Fahrer hermetisch von der Außenwelt abgeschottet sind. Denn dass die darin verbauten popeligen „Klimaanlagen“ es nicht schaffen, mit Ölverbrennung die von der Sonne durch die geschlossenen Fenster geworfene Wärme wieder ins Freie zu befördern, ist nicht gerade Geheimwissen.

Was also treibt Sie, diese zum Lebendtransport völlig ungeeigneten Behältnisse zu nutzen? Die Hersteller jedenfalls versichern, die Idiotie, kein Fenster mehr öffnen zu können, sei eine Vorgabe der Kunden – also von Ihnen.

Früher haben wir mal gemutmaßt, es sei derselbe Spleen wie bei der Bahn und Sie hielten sich als triviale Schülerschubse gerne für eine straßengebundene Airline, von der Sie sich daher zunächst einmal die geschlossenen Fenster abgeguckt haben, einen kleinen Unterschied überfahrend: Die natürliche Umgebungstemperatur von Flugzeugen im Hochsommer beträgt 50 Grad unter dem Gefrierpunkt – die von deutschen Bussen liegt 80 Grad höher. So ein Spleen sollte sich aber irgendwann auswachsen. Continue reading

Alleinreisende Zugsitze

Die ostwestfälische Originalfamilie steigt am Ostbahnhof in den ICE von Berlin nach Frankfurt. Vater, Mutter, zwei Söhne im profund geschätzten Alter von 14 und 16 Jahren. Der von ihnen eroberte Wagen 7 ist – wie an dieser Stelle üblich – noch sehr leer. „Hier ist ein Vierer mit Tisch!“, ruft der dümmere der beiden Söhne, und auch sein Bruder hat etwas Passendes gefunden. In den ersten Reisevorbereitungen wird der Proviant verteilt, aus Händen, Taschen und Rucksäcken, quer durch den Wagon. Die Söhne streiten sich, wer was mit wessen Berechtigung in welches Tragebehältnis gepackt hat.
Da entdeckt die Mutter mit vollen Backen die Reservierungsanzeige überkopf und liest laut  (im Rahmen ihrer Möglichkeiten) vor: „Berlin Kassel, Berlin Kassel, Berlin Göttingen…“, von dem besorgten Ausruf gefolgt: „Ich hoffe die fahren nach Bielefeld – draußen stand doch  Abschnitt C bis E.“ Sicherheitshalber werden die Söhne beigeordert, die Familie verteilt sich auf acht Sitzplätze, überwiegend mit dem Reiseziel „Berlin Braunschweig“. Continue reading

Streik-Ende: Evangelische Kirche übernimmt Deutsche Bahn

bahnstraengeMit der aktuellen Streikandrohung hat die Gewerkschaft der Lokführer (GDL) den Bogen ganz offensichtlich überspannt – und ist ab heute schon Geschichte. Denn der für das staatliche Bahneigentum zuständige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat nach geheimen Gesprächen der letzten Tage die Deutsche Bahn AG für einen symbolischen Euro an die Evangelische Kirche verkauft, rückwirkend zum 1. November. Von dort aus wird sie künftig als gemeinnütziger Konzern betrieben – und kann nicht mehr bestreikt werden. Denn im kirchlichen Arbeitsrecht sind Streiks verboten, die tariflichen Auseinandersetzungen finden nach dem sogenannten „Dritten Weg“ einvernehmlich statt.

Von diesem Schritt dürfte vor allem Klaus Dauderstädt als Vorsitzender des Deutschen Beamtenbunds überrascht worden sein, denn bis zuletzt war im politischen Berlin vor allem über eine Rückkehr zur Bundesbahn spekuliert worden, in der man nicht nur die Lokführer, sondern alles wichtige Personal verbeamtet hätte, womit Streiks ebenfalls ausgeschlossen und die Aufrechterhaltung des Verkehrsbetriebes gewährleistet worden wären.

Gabriel versicherte in einer ersten Pressekonferenz nach dem Deal, dass sich für die Kunden nichts ändern werde. Die Kirche als neue Trägerin der Deutschen Bahn werde zwar aus ihrem christlichen Profil keinen Hehl machen, außerhalb der etablierten Bahnhofsmission soll es aber keine Glaubensbekehrungen geben. Die Bahn sei weiterhin für alle Konfessionen offen.

Im Detail dürfte es allerdings doch zahlreiche Änderungen geben, wie Fred Steinhauer vom Institut für Schienenverkehr auf Anfrage sagte. Bislang dürften beispielsweise Polizisten in Uniform jeden Zug kostenlos nutzen, weil die Bahn sich davon einen Gewinn an Sicherheit verspricht. „Das werden die Protestanten so kaum fortführen können, ohne ihre wichtige friedensbewegte Klientel zu verlieren“, so Steinhauer. Auch am Preisgefüge für Fahrscheine dürfte es erhebliche Veränderungen geben, allerdings bedürfen diese in jedem Fall der Zustimmung durch das Eisenbahnbundesamt.

GDL-Chef Claus Weselsky war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen. In den letzten Tagen hatte sich jedoch immer deutlicher abgezeichnet, dass die Politik dem Bahnmanagement mit einer Veränderung der Betriebsstruktur zu Hilfe kommen wird.

Endlich kommt jeder an (s)ein Ziel

bahnklo_Helgolaender-Vorbote
Aus solchen Urnen wird derzeit der neue aleatorische Fahrplan der DB auselost.

Die Deutsche Bahn stellt auf einen neuen, innovativen „Aleatorischen Fahrplan“ um, wonach es künftig dem Zufall überlassen bleiben soll, ob ein Zug fährt, wann und wohin. Darüber sprachen wir mit dem Oberbahnausen Fred Steinhauer, DB-Vorstand für Kundenmarodisierung:

HV: Herr Steinhauer, die Deutsche Bahn hat die größte Reform angekündigt, seit sie 1994 von Rot auf Blau bei den Bahnhofsschildern umgestiegen ist. Wie kam es zur Erfindung des „aleatorischen Fahrplans“, der vom Zufall terminiert werden soll?

Steinhauer: Auf vielen Strecken hat sich Routine eingeschlichen. Die Fahrgäste rechnen bereits nicht mit Pünktlichkeit ihres Zuges und stellen sich entsprechend darauf ein, fahren zwei Stunden früher, nehmen Zelt und Schlafsack mit oder lassen sich vorsorglich scheiden.

HV: Und das nimmt Ihnen den Spaß an Ihrem Job als oberster Fahrplaner?

Steinhauer: Um Spaß geht es dabei noch am wenigsten. Aber wenn der Fahrgast nicht mehr flucht, schreit, weint und verzweifelt zusammenbricht, müssen wir uns selbstkritisch fragen, ob unser Betriebsstörungsprogramm noch State of the Art ist.

HV: Wie kann man sich den aleatorischen Fahrplan vorstellen?

Steinhauer: Zunächst einmal werden sich die Zugführer strikt an ihre vorgegebenen Arbeitszeiten halten. Das hatte mir sehr gut gefallen, als im März 2001 ein Zugführer mitten im Tunnel den ICE anhielt und seine vorgeschriebene Pause machte.
So zuverlässig muss das künftig überall laufen, das werden wir rechnergestützt steuern. Und nach Schichtende ist Schluss, am nächsten Werktag geht es genau dort weiter – während des gesetzlichen Urlaubs natürlich nicht. Damit dürfte die Zugverteilung in Deutschland binnen einer Woche gegenüber heute deutlich aufgelockert sein.

HV: Welche Verantwortung kommt den Fahrdienstleitern zu, über die in letzter Zeit oft diskutiert wurde?

Steinhauer: Sicherheit und Geschwindigkeit standen sich bisher immer antagonistisch gegenüber. Wir steigern nun beides auf einmal, indem wir jeden Zug auf das erstbeste frei Gleis schicken.

HV: Kann der Kunde denn noch in irgendeiner Weise Einfluss darauf nehmen, wohin ihn sein Zug bringt?

Steinhauer: Aus Ihrer Frage spricht fortschrittsfeindlich-analoges Denken, gepaart mit einer gehörigen Portion Dogmatismus. Auf die Reiseroute hatten Fahrgäste noch nie Einfluss, auf ihr Reiseziel nur sehr bedingt. Einer sinnvollen Verteilung der Menschen in unserem Land waren Mitbestimmungsmöglichkeiten stets abträglich. Wir bauen in Stuttgart den schönsten Tiefbahnhof der Welt und alle fahren nach Hamburg und Berlin. Das ist onkologisch unsinnig.

HV: Wie kommt das Transportgut künftig nach Stuttgart?

Steinhauer: Der aleatorische Fahrplan ist da völlig unbestechlich und gerecht. Nach den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit wird Stuttgart ebenso mit Fahrgästen bedacht werden wie Emden oder – das sage ich jetzt speziell für Sie – Rheinsberg.

HV: Lohnt sich für Reisewillige denn dann überhaupt noch die teure Fahrkarte von Garmisch-Partenkirchen nach Rügen, wenn sie auch damit rechnen müssen, nur bis Huglfing zu gelangen?

Steinhauer: Sie verstehen offenbar den Sinn von Deutschlands größtem Verkehrsunternehmen nicht! Wenn Sie von Garmisch nach Rügen wollen – auch wenn ich das Ansinnen nicht verstehe, aber bitte -, dann benötigen Sie doch wohl zunächst einen zu dieser Reise berechtigenden Fahrausweis, oder? Der aleatorische Fahrplan wird unverbrüchlich dafür sorgen, dass Sie dort auch irgendwann ankommen. Da können Sie jeden Rechenlehrer von der Volksschule fragen. Dass ein Ziel gar nicht erreicht wird, ist dann statistisch sogar unmöglich – ganz anders als heute.

Kurzer Toleranzanfall wg. Maniküre

Schilder, die laute Musik auf dem Kopfhörer verbieten, weil’s den Nachbarn stören könnte: kennt man. In vielen Zügen ist inzwischen auch jeglicher Speiseverzehr verboten – nicht etwa aus Angst um den Kunststoffbezug des Sitzes, sondern weil Essensgerüche irgendwem Unbehagen schaffen könnten.

Aber das ist natürlich alles Unfug. Nicht nur, weil Verbotsansammlungen die Atmosphäre vermiesen, sondern weil man im Zweifelsfall um die zwischenmenschliche Kommunikation nicht herumkommt beim Austarieren von individuellen Freiheitsvorstellungen. Und zur Not muss man dann auch mal, wie heute, dem schrumpeligen Gemüse, das über die Jahrzehnte eben nur gewelkt und nicht gereift ist, mit dem Arsch ins Gesicht springen, weil es (w) auch nach freundlicher Aufforderung anderer Mitreisender die Maniküre mit der Nagelfeile nicht beenden wollte, sondern – bildungsbürgerlich über den Brillenrand schauend – kund tat: “Ich bin bald fertig.”

War dann sofort fertig. Und für den Rest der Fahrt mit Schnappatmung beschäftigt. Das klingt auch nicht richtig sexy. Aber man kann eben nicht alles verbieten.

Aleatorischer Fahrplan

Die Deutsche Bahn stellt zum 1. Juni auf einen aleatorischen Fahrplan um. Damit ist der deutsche Staatsbetrieb weltweit Vorreiter in Sachen Transparenz und Unabhängigkeit. „Heute kosten uns Verspätungen, Zugausfälle, Personalengpässe und alle Arten von Störungen des Betriebsablaufs viel Kraft und Kreativität“, erläutert Fahrplan-Vorstand Fred Steinhauer auf Anfrage des Helgoländer Vorboten. „Fast jedes Malheure muss von uns per Hand erarbeitet werden. Es ist ja nur der böse Spott Unkundiger, das Gesamtkunstwerk Deutsche Bahn den vier Jahreszeiten zuzuschreiben.“

Künftig solle es dem Zufall überlassen bleiben, ob ein Zug fährt, wann und wohin. In der mathematisch möglichen Kombinationsvielfalt stecken nach Unternehmensangaben noch jede Menge ungehobener Schätze modernen Destruktivismus‘.
Ganz altdemokratischen Gepflogenheiten folgend soll die Auslosung von Fahrstrecken und die Art ihrer Bewältigung allein das Schicksal übernehmen.

Der neue Fahrplan wird daher auch deutlich umfangreicher als alle seine Vorgänger. „Wir können nun jeden Ort aufnehmen, der in Sichtweite zu einer Bahnschiene liegt. Denn dass dort ein Zug fährt, ist künftig nicht mehr ausgeschlossen, weshalb auch mit einem Haltevorgang gerechnet werden müsse, der das Be- und Entladen von Transportgut theoretisch möglich machen könnte.“ Bei der Erfassung dieser vielen neuen Reisestart, -zwischen- und -endpunkte bittet die DB um Mithilfe der Bevölkerung. Auch soll es einen Kreativwettbewerb geben, bei dem die schönsten selbstgebauten Wartehäuschen an möglichst skurrilen Orten prämiert werden.

Der Begriff „aleatorischer Fahrplan“ geht auf das lateinische Wort „alea“ für Würfel zurück, „Fahrplan“ bezeichnet theoretisch mögliche Logistikprojekte und leitet sich vom griechischen Hirten-, Wald- und Wiesengott „Pan“ ab. Das Auswürfeln steht von alters her für Gleichheit und Gerechtigkeit, Pan ist Schutzpatron aller in der Walachei Gestrandeten. (HV)

Lesen Sie hierzu auch unser Interview mit Steinhauer: Endlich kommt jeder an ein Ziel!

Deutsche Urwälder sollen sicherer werden

Nach dem Rettungsdrama von Wald-Michelbach haben führende Politiker strengere Zugangskontrollen zum deutschen Wald gefordert. „Unsere Wälder sind schön und sie zu genießen ist jeder eingeladen, aber sie sind eben keine Shopping-Mall, sondern Wildnis mit allen Gefahren, die der Herrgott sich für uns ausgedacht hat“, sagte Fred Steinhauer auf Anfrage.
Gemeinsam mit anderen Spitzenpolitikern schlägt er eine An- und Abmeldepflicht vor Betreten deutscher Wälder vor. „In amerikanischen Nationalparks ist das auch gang und gäbe – aus gutem Grund.“ Was dort der Sheriff, könne in Deutschland der jeweilige Bürgermeister als Ortspolizeibehörde sein. „Auch in anderen Krisen ist es wichtig zu wissen, wer da draußen noch im Wald steckt“, so Steinhauer.

Am Samstag hatte sich eine 44-jährige Frau im Urwald der Tromm verirrt. Auch wegen einer erst kürzlich gesichteten Wildkatze im unweit gelegenen Schlitzer Land setzte sich umgehend ein Großaufgebot an Rettern. Ein Aufklärungshelikopter der hessischen Polizeifliegerstaffel konnte schließlich die völlig verpeilte Wanderin über eine Lichtung in Sicherheit bringen.