Kotzen ist das Friedlichste, was wir tun können

Mit seiner Performance zum Unterschied zwischen Kritik und Schmähkritik ist Jan Böhmermann ein Meisterwerk der Satire geglückt (die Kollegen sind noch Wochen danach vor Entzücken der Welt entrückt…). Doch offenbar hat Böhmermann nicht das Format für einen Satiriker. Als er sich nun nach wochenlanger Reifezeit via ZEIT zurückgemeldet hat, gibt er – bemüht wirkend – nur den Komiker. Message nach all dem Rummel? Null! Steigerung, neuer Impuls, Persiflage des massenhaft publizierten Schwachsinns? Nichts! Keine Schmähung all der Flachpfeifen, die mit ihrer Verstand ersetzenden Piefigkeit die Abflüsse der Nachrichtenströme verstopft hatten. Stattdessen etwas – offenbar nicht gespielte – Weinerlichkeit, wie sie schon vorher in der „Causa Erdogan“ von ihm zu vernehmen war. Wie elend.

Dabei bräuchte diese Gesellschaft doch so dringend kraft- und kunstvolle Arschtritte! Sie hätte zum Beispiel dringend nötig eine echte Diskussion um die straf- wie zivilrechtliche Ahndung beißender, ätzender, verletzender Kritik! Wahrscheinlich sind die Verhältnisse nur deshalb so, wie sie sind, weil jede noch so fundamentale Kritik, jeder lebensbejahende Wutausbruch mit Missachtung gestraft wird, und wenn sie sich doch kollaborativ in die Öffentlichkeit vorarbeitet totgelabert oder arbeitskreiszersägt wird. In einem Land, in dem sich die ehrenamtliche wie hauptamtliche publizistische Führung mit verbitterter Miene um die Ruhe als erste Bürgerpflicht sorgt, die und der „kleinen Leute“ Folgsamkeit sie durch „Hasskommentare“ im Internet gefährdet sehen. Ein Land, dessen „Deutsche Richter“ auch „juristischen Personen“ wie der ehemaligen Bundesbahn „Pesönlichkeitsrechte“ zusprechen, die Wutbürger teuer verletzen können!

Dieses Land ist so vollkommen irre, dass es dringend der Beleidigung als Gegenwehr bedarf. Die Mainzer Staatsanwaltschaft ermittelt nun also, ob ein Aneinanderreihung von Vulgärbegriffen im Zusammenhang mit dem türkischen Präsidenten Erdogan Menschenrechte, Demokratie, öffentliche Ordnung oder Weltfrieden in sanktionswürdiger Weise wenigstens potentiell tangiert haben könnte, derweil Menschenrechte und Demokratie öffentlich geordnet im Mittelmeer absaufen und in Ankara inhaftiert werden.

Die Journaille echauffiert sich über ein AfD-Parteiprogramm, in welchem das Schächten von Tieren abgelehnt wird (wie es bereits seit 1972 im Tierschutzgesetz steht und dem ethischen Verständnis der überwiegenden Mehrheit im Land entspricht), wortlos verweisend auf die christlich-abendländischer Tradition, in deren humanistischem Geist jährlich 60 Millionen deutsche Schweine ihre kärglichen drei Vegetationsmonate lang in aller industriellen Perfektion vergewaltigt werden, zertifiziert mit europäischem Halknall-Siegel.

Nicht weniger als die Weltrettung schreiben sich Politbürokraten auf die Fahne, machen tausende Vorschriften, vom Glühbirnenverbot bis zum Energiepass für Häuser, ohne darüber ihre Sorge um die geringe Auslastung des Flughafens Kassel-Kalden und die weltuntergangsgefährdende Verzögerungen am Hauptstadtflughafen BER zu vergessen.

Dieses Land, ja diese Welt ist so vollkommen irre, dass sie nicht mit Anstand, sondern nur mit Hass zu retten ist, mit ungebändigter Wut, deren pazifistische Erscheinungsform eben Wortkotze ist, diese Infoessstörung, bei der sich der Leidende meist sehr plötzlich weigert, den Indoktrinationsspam zu verdauen, den er stattdessen gut vermengt und angesäuert den Köchen über ihre phallischen Mützen göbelt.

Jan Böhmermann will die Bewegung offenbar nicht anführen. Er will sie nichtmals supporten. Er zieht sich zurück in die Kuschelecke des Witz‘. Was immer er und sein Team „nach vorne ficken“ wollen, wie er es verkündet: dem Wahnsinn Deutschland wird es wohl nicht viel entgegensetzen.

(Fred Steinhauer)

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