Aussterbende Wörter: „Reiseruf“

Da hatte das sich für jung haltende Volk aber was zu lachen. Wegen einer Streckensperrung hält der ICE aus Berlin nicht wie geplant und von manch einem gebucht in Wolfsburg. Das kann man mit Youtube-Fail-trainiertem Humorverständnis an sich schon lustig finden. Doch dann sagt der Schaffner noch folgendes durch: „Ein Reiseruf für Herrn Müllermeierschmidt mit dem Reiseziel Wolfsburg: Bitte fahren Sie mit uns bis Braunschweig, Sie werden dort am Bahnhof abgeholt.“

Eine solche, sicherlich an einen tüddeligen Opa adressierte Information ist für Menschen, die jede gemutmaßte Zugverspätung von 30 Sekunden mindestens Mama, Oma und den zwei besten Freundinnen mitteilen müssen, damit die sich keine Sorgen machen und schon mal das nötige Mitleid aufbauen für diese erlittenen Reisekatastrophen, was bis vor der Verbreitung von Whatsapp zwar nicht durch den ganzen Zug, aber doch durch den halben Wagon schwappte und das gleich von einem halben Dutzend Sendestationen, verständlicherweise lächerlich.

ZDF fordert Schießbefehl gegen Pegida

heute-show-storch-pegidaDie ZDF-Sendung „heute show“ hat unter dem Applaus tausender Fans den Schießbefehl gegen Pegida-Anhänger gefordert. In einem Interview mit dem Mannheimer Morgen sagte Anchorman Oliver Welke: „Die Sittenpolizei muss den illegalen Grenzüberschritt verhindern, notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch machen. So steht es im Gesetz, Artikel  1 GG.“ Allerdings dürfe nur jetzt im Winter außerhalb der Wurfzeit geschossen werden und nur auf Pegidaisten, die das deutsche Wort „Halt“ nicht verstehen. Schließlich schieße auch ein Fußballerklärer nicht gerne, wenngleich der Jubel der Südkurve natürlich verlockend sei.

Polizei zieht gefährliche Autofahrer aus dem Verkehr

Schlechte Leistung der Kasseler Polizei: Nur eine Bissverletzung schaffte der Kasseler Polizeisportverein Haudrauf 1998 am Wochenende bei den German Open im Querfeldein-Catchen. Zwar setzte ein flüchtiger 16-Jähriger das elterliche Auto sehr schön gegen einen Baum, blieb dabei jedoch unverletzt. Erst bei der weiteren Verfolgung zu Fuß gelang es der Polizei, mit Polizeihund Zsölmer eine Bissverletzung in den Unterschenkel zu setzen. Die Wertung der Punktrichter lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Ziel des polizeilichen Querfeldein-Catchens ist es, möglichst junge Leute spontan in die Flucht zu schlagen und in einen Unfall zu treiben. Die voll Punktzahl für einen Finalcrash kann dabei nur selten vergeben werden. Im Mai 2014 setzte in Hameln ein vor der Polizei flüchtender 32-Jähriger sich, seinen VW Golf und einen Beifahrer frontal vor einen LKW. Den Lappen brauchte er danach nicht mehr, die MPU entfiel.
Ähnlich erfolgreich operierte die Polizei im September 2012 bei Senftenberg: auf der Flucht kommt dem Golf ein Straßenbaum in die Quere,  der 22-jährige Jüngling stirbt.
Ähnlich Dezember 2011 in Irgertsheim (Foto, ausführlicher Polizeibericht), wofür die Komiker vom Darwinpreis den Begriff „Polizeiflüchtling“ schöpften.
Einen 27-Jährigen brachte die Polizei November 2011 auf der Kreisstraße SAD bei Schwarzenfeld/ Regensburg zur Strecke.
Einen Toten (18) und einen Schwerstverletzten (22) erzielte die Polizei bei Osterwieck  im Harz April 2014. In Mönchengladbach verfolgt die Polizei im Februar 2012 einen 17-Jährigen, doch an seiner statt blieb die 19-jährige Beifahrerin auf der Strecke.
Eine besonders schöne Choreographie gelang einer polizeilichen Verfolgung im Januar 2015 bei Hoyerswerda: der Delinquent versuchte als Geisterfahrer zu entkommen, schaffte es aber nur bis zum Geist.

Im Dezember 2008 gelang es der Berliner Polizei , einen 19- und einen 21-jährigen  aus dem Verkehr zu ziehen.   In Ismaning hingegen floss trotz 15-minütiger Verfolgung mit 90 Sachen durch Tempo 30-Zonen, 10 Einsatzwagen und einem vorbildlichen Stop am Baum kein Blut.  Ganz kläglich scheiterten auch die Beamten in Neumarkt/ Deining, wo es ihnen selbst mit Hubschraubereinsatz nicht gelang, zwei Mundwasserdiebe zu stellen.

Dickes Ding bei FOCUS

untaetigkeitsvorwurfMan muss sich in diesem Land ja viel anhören, von allen Seiten, aber das ist doch ein dickes Ding jetzt, was der Focus uns vorwirft: Untätigkeit nämlich, Faulheit, Müßiggang. Weil wir nicht schnell genug mit sozialer Interaktion eine Lesebestätigung gesetzt haben, giftet uns diese Münchner Illustrierte an:  „Sie waren einige Zeit inaktiv.“

Aber was mag bei den Focüssen schon „inaktiv“ sein, wenn wir uns betrachten, in was ihre Aktivität besteht: in unserem Browser herumzupfuschen, eine aufgerufene Seite unlesbar zu machen und uns mitzuteilen, dass sich die Welt auch in den letzten Sekunden weiter gedreht hat.

Unsere analogen Heftchen in der Redaktion merken sich übrigens auch die zuletzt aufgeschlagenen Bilder. Wenn nicht irgendein Praktikant sie verblättert, wird dieser Service dauerhaft und ohne einen Anflug von Leistungsstolz angeboten.

Und ohne Aufdringlichkeit – mit der uns zuletzt die FAZ begegnete, welche uns nicht für faul, sondern nur für senil hält: „Falls Sie es verpasst haben: Dieser Artikel hat Sie diese Woche besonders interessiert.“

Was darf die Satire?

Frau Vockerat: »Aber man muß doch
seine Freude haben können
an der
Kunst.«
Johannes: »Man kann viel mehr haben
an der Kunst als seine Freude.«
Gerhart Hauptmann

Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.
Satire scheint eine durchaus negative Sache. Sie sagt: »Nein!« Eine Satire, die zur Zeichnung einer Kriegsanleihe auffordert, ist keine. Die Satire beißt, lacht, pfeift und trommelt die große, bunte Landsknechtstrommel gegen alles, was stockt und träge ist. Satire ist eine durchaus positive Sache. Nirgends verrät sich der Charakterlose schneller als hier, nirgends zeigt sich fixer, was ein gewissenloser Hanswurst ist, einer, der heute den angreift und morgen den.
Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an. Die Satire eines charaktervollen Künstlers, der um des Guten willen kämpft, verdient also nicht diese bürgerliche Nichtachtung und das empörte Fauchen, mit dem hierzulande diese Kunst abgetan wird. Continue reading

Deutschland im Rührmodus

Story 1: Ein Busfahrer sagt freundlich „Hallo“ zu seinen Fahrgästen, die ins Schwimmbad wollen. Von der Lokalzeitung bis zur Bild: Rührung

Story 2: Claus Kleber erzählt unter Verweis auf die Investigativjournalisten Krautreporter Story 1. Dabei erkennen noch investigativere Investigativjournalisten einen unprofessionellen Anflug von Rührung bei Kleber. Auch die verschnarchtesten Medien sind nun völlig aus dem Häuschen. Die Weltpresse feiert in 183 Sprachen: „So süß sind die Krauts wirklich.“

Story 3: Das Handyvideo eines reichen Wirtschaftsflüchtlings aus dem Bus taucht auf. Kein Zweifel: der Busfahrer war Jan Böhmermann. Für die BVG-Berliner ist damit die Welt wieder in Ordnung, für den ganzen Rest Deutschlands aber bricht sie zusammen: wo wir doch gerade mal von uns selbst gerührt waren.

Story 4: Deutschland schaltet vom Rühr- in den Betroffenheitsmodus als sicherster Betriebsart. Für eine Woche ist das einzig zulässige Profilbild bei Twitter und Facebook: „Je suis réfugié“.

Story 5: Das NDR-Magazin Panorama filmt mit versteckter Kamera, wie eine uralte Deutsche ihren Sitz in der U-Bahn für eine hochschwangere Afrikanerin frei macht. Nach der Ausstrahlung des Beitrags behauptet ein Anstandszersetzer, die Hochschwangere sei kein Flüchtling, sondern Ur-Deutsche, geboren in Onkel Toms Hütte. Es droht der nationale Emotionsnotstand. Für den Abend wird daher in den Tagesthemen Anja Reschke zum Volk sprechen.

Update 14. August, 18 Uhr: der Münchner Merkur hat unsere Recherche geklaut und verfremdet wiedergegeben. Böhmermann soll auf Facebook AfD-Fan sein.

Reiswerfen für die Armen

free-rice
Sie wollten schon immer mal eigenhändig ein Negerkind verhungern lassen? Dank Web 2.0 ist das nun möglich. Machen Sie einfach nicht mit beim lustigen Überlebens-Quiz des „Welternährungsprogramms“( WFP) der Vereinten Nationen. Mit jeder Quizfrage, die Sie fettgrinsend verweigern, bekommen die Hungerhaken 10 Reiskörner weniger. Das klingt nicht viel, – aber bei genügend deutscher Ignoranz kommen da schon ein paar Sack zusammen.
„Geile Idee des WFP“, meint Fred Steinhauer, Verarschungsexperte beim Helgoländer Vorboten, „bislang mussten die reichen Länder sich Tag um Tag irgendwie rausreden, warum sie für jeden Scheiß Geld haben, nur nicht für die Hungernden. Doch jetzt liegt der Ball im Spielfeld der Bürger. Und dass die den Arsch nicht hochkriegen, darauf kann sich die Politik verlassen.“
Dass hinter dem närrischen Reiswerfen ausgerechnet die Spaghettifresser vom Stinkstiefel Europas stecken, wundert Steinhauer nicht: „Die Italiener sind ja Fachleute für zynische Spaßwahlen, bei denen ist das Projekt in besten Händen.“

Der geheime Plan hinter den Todesbussen

vgo-bushaltestelleSehr geehrte VGO-Presseleute,
seit Jahren grübeln und recherchieren wir, was Unternehmen des öffentlichen Nahverkehrs (ÖPNV) dazu treibt, zum Transport von Menschen Busse zu benutzen, die bis auf das Zigarettenfenster beim Fahrer hermetisch von der Außenwelt abgeschottet sind. Denn dass die darin verbauten popeligen „Klimaanlagen“ es nicht schaffen, mit Ölverbrennung die von der Sonne durch die geschlossenen Fenster geworfene Wärme wieder ins Freie zu befördern, ist nicht gerade Geheimwissen.

Was also treibt Sie, diese zum Lebendtransport völlig ungeeigneten Behältnisse zu nutzen? Die Hersteller jedenfalls versichern, die Idiotie, kein Fenster mehr öffnen zu können, sei eine Vorgabe der Kunden – also von Ihnen.

Früher haben wir mal gemutmaßt, es sei derselbe Spleen wie bei der Bahn und Sie hielten sich als triviale Schülerschubse gerne für eine straßengebundene Airline, von der Sie sich daher zunächst einmal die geschlossenen Fenster abgeguckt haben, einen kleinen Unterschied überfahrend: Die natürliche Umgebungstemperatur von Flugzeugen im Hochsommer beträgt 50 Grad unter dem Gefrierpunkt – die von deutschen Bussen liegt 80 Grad höher. So ein Spleen sollte sich aber irgendwann auswachsen. Continue reading

Mächtig Holz nicht nur vor der Hütte

„Wikipedia ist sexistisch, kritisiert Hannes Stein. Als Indiz gilt ihm die fast vollständige Liste weiblicher Porno-Stars, zu Dichterinnen und Erfinderinnen liefert das Online-Lexikon oft nur rudimentäre Erkenntnisse.“

Fasst turi2 in seinem Newsletter einen WeilgeradesonstnixpassiertaufderWELT-Artikel zusammen.

Dabei steht doch im Original-Lead schon die ganze Botschaft:

„Weil bei Wikipedia fast nur Männer Einträge schreiben.“

Den Rest kann sich dann jeder selbst zusammendichten, dazu braucht es keinen Stein des Anstoßes: Tastaturen sind sexistisch, Bildschirme sind sexistisch, die gesamte Elektrizität ist frauenfeindlich und Bildung natürlich: kolossal patriarchal.

Einen nicht sexistischen, sondern nur sexualdimorphistischen Grund, auf den der gendermaingestreamte Feministenmann nicht kommt, liefert Anti-Porno-Stein allerdings noch: Frauen sind einfach zu doof für Wikipedias Aktivmodus. Oder in Steinschen Worten:

“ Frauen haben nicht genug Chuzpe. Sie erliegen dem Irrtum, nur Experten dürften einen Eintrag bei Wikipedia erstellen oder diesen verbessern.“