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Von Tanja Krienen | 09.10.2006 | druckansicht

Über die völlige Grundlosigkeit, Ähnlichkeiten zwischen Henryk M. Broder und Karl Kraus feststellen zu wollen.

Jene, die den „Untergang der Welt durch schwarze Magie“ in den Feuilletons und anderen Schwatzbudenbezirken, z.B. den medialen „Talk-Shows“, deren Charakter man unbedingt wörtlich nehmen sollte, inszenieren, äußern manchmal den Ein- oder Ausfall, der „deutsch-jüdische Publizist“ Henryk M. Broder erinnere in seinen Artikel an Karl Kraus (siehe: Wikipedia ). Ob sich nun Broder wirklich an Karl Kraus erinnert, oder die Postulierer dieser gewagten These an der Sprach-, Literatur- und Kultur-Kritik-Demenz leiden, ...
...welche direkt mit einer Krisis, einer schweren Erschütterung des Geistesleben im allgemeinen einhergeht, und insbesondere die Nomenklatura des Pressewesens, das bekanntlich keines aus Fleisch und Blut, wohl aber eines aus der Reihung Radau-Riecher-Richterspruch ist, erfasst hat, so darf man konstatieren, dass sie von allen guten Geistern, die immer mehr metaphysisch als wirklich im Oberstübchen vorhanden existierten, verlassen sind, und ihnen sowohl das Wissen um Zusammenhänge, als auch um die Ursprünge, im Dickicht der Jagd nach ungeheuerlichen Neuigkeiten, gänzlich abhanden kam. Aber nicht wie ein altes Manuscript, das man selbst schrieb, sondern wie ein Buch, das man gar nicht las, und deshalb gar nicht sucht, weil man nicht einmal von seiner Existenz weiß.

Suchen wir also, so finden wir: Nichts von Bedeutung.

1 Glauben und Sein, hier: die jüdische Religion

Kraus war die jüdische Religion ursächlich egal. Hierin erschöpfen sich auch die Gemeinsamkeiten mit Broder, der sich zunächst als atheistischer Anti-Zionist gerierte, und letztlich dies auch geblieben ist, denn, wer wie er, Formel 1–Rennen und Schwulenparaden an der Klagemauer gern sehen würde, verhält sich gegenüber den heiligen Stätten des Judentums so, als würde ein gläubiger Moslem in Mekka auf der Kaaba Schlammcatchen, oder ein Katholik auf dem Petersplatz ein „Fest praktizierender Latrinengänger mit anschließender Demonstration“ veranstalten wollen. Fehlende Pietät vor der Religion kann man nicht deutlicher ausdrücken. Während aber der böhmische Österreicher jenen, die ihn, ohne dass er selbst einen Bezug zum Judentum reklamierte (außer der Herkunft), beständig als Jude auserwählten, bisweilen schroff zurecht wies, allzumal er längst zum Katholizismus erst über, später wieder ausgetreten war, und man ihn eher partiell als Typ des klassischen „jüdischen Selbsthasser“ sah, bringt der gebürtige Pole hingegen seine Abstammung selber penetrant ins kalkulierte Spiel, um anschließend das Leid der Welt auf seinen Schultern zu bündeln, und mit diesem Gepäck durch die Welt zu reisen, abladend überall, was er selbst gezielt sammelte oder selbst in die Welt setzte.

Während sich Kraus unter dem Druck des tatsächlich wachsenden Antisemitismus mit der jüdischen Religion zu beschäftigen genötigt sah, stellt Broder hauptsächlich andere Juden in den Focus seiner Betrachtung und schnitzt sich Antisemiten, wo immer er persönlich Widerspruch erhält, aus eben diesen subjektiven Motiven. Während Kraus aber mit den Bräuchen des Judentums und seiner Metaphysik vertraut war, streut Broder als Antipsychologe und philosophisch wenig belesener Kopf, lediglich einige Versatzstücke, einige verbale Imponier-Spritzerchen, aus dem hebräischen Wortschatz oder der jüdischen Kultur ein. Er gleicht dem spiegelverkehrten Andri aus Georg Kreislers Andorra-Parodie „Sodom und Andorra“, in der jemand nicht – wie im Originalstück – von Antisemiten für einen Juden gehalten und verfolgt wird, sondern lediglich einen Juden spielt um Vorteile zu erhalten und seine Umwelt durch stereotypes Verhalten schier zur Verzweiflung treibt und zur Weißglut bringt. Kreisler lässt den „Autor“ „Frischli“ sinngemäß sagen, dass der „falsche Andri“ mit seinen in die Konversation eingestreuten jüdischen Brocken, seinem zur Schau gestellten Händereiben, seinen klischeehaften Postulierungen vom jüdischen Geschmack und der Kunst zu Leben etc., ein viel größerer Antisemit sei, als alle anderen, denen er dieses unterstellt.

2 Das Gesicht

Die Unterschiedlichkeit des Gesichtscharakters von Broder und Kraus werden durch die Beschreibung von Friedrich Rothe sofort klar: „Obwohl ein ausgesprochener Einzelgänger wurde Kraus kein Nestflüchter, lebte aber nie mit einer Frau zusammen….Zu Kraus´ äußerem Habitus gehörte ein bartloses Gesicht, das nichts zu verbergen hatte und einen höflichen Menschen mit Taktgefühl versprach. Er hat nie einen Bart getragen, ein ungewöhnlicher Fall in der patriarchalischen Welt der Jahrhundertwende, in der junge Männer Bärte hatten, um älter und würdiger auszusehen. Das bärtige Gesicht eines gepflegten Bourgeois flößte ihm Abscheu ein.“

3 Das gesprochene Wort

Broder wurde die Klangfärbung des osteuropäischen Juden nie los. Egal ob er frei spricht oder abliest: eine gefärbte Sprache, die ins Undeutliche abdriftet, die schwammig und faserig klingt und sowenig schwingt – so wie der Gesichtsschnitt Heideckers der Wirkung des Intellektuellen von vorn herein im Wege stand – ist nicht dazu geeignet, mehr zu sein, als ein bloßes, kaum funktionell zu nennendes Werkzeug der Artikulation, und stigmatisiert ihn als Provinzler – ohne jegliche sprachliche Wirkung. Er ist weder rezitier– noch zitierfähig. Kraus hingegen besaß ein überaus effizientes Sprechorgan, das zur Rezitation ebenso geeignet war, wie zum Gesang. Wer Hermann Leopoldi , den großen jüdischen Klavier-Humoristen, der eigentlich Hermann Kohn hieß, kannte, meint zunächst ihn zu hören, wenn er die seltenen Originalaufnahmen von Kraus gewahr wird. Die österreichische Färbung ist hier nichts als ein Hinweis auf die Herkunft, erhebt sich jedoch sofort über die Begrenztheit hinweg und lässt einen diesbezüglichen Eindruck gar nicht erst aufkommen. Broder hat noch nie gesungen – ja was denn auch? Aber dazu später.

4 Sprachwitz und Sprachkultur

Broders seltene Einfälle, die eine Wendung zur Erkenntnis bringen und „lustig“ erscheinen, haben ihm wohl den Ruf eines in der Tradition von Karl Kraus Stehenden eingebracht. Bei näherem Hinsehen jedoch entpuppt sich dieser „Witz“ als eher dem rotzfrechen und in seiner emotionellen Schnodderigkeit durch keinerlei Moralitäten, resp. Gewissen – , und Sinnfragen gebremsten „Berliner Schnauze“-Modell, das Karl Kraus in der Offenbarung als Taxifahrer und Bierkutscher ebenso hasste, wie alle anderen Formen proletarischer Grobheiten. Ironie hingegen entwickelte sich bei Kraus stets aus der faktischen Überzeugung dargelegter Absurditäten der menschlichen Verhaltensweisen und Äußerungsformen, die durch Reihungen und Reimungen bisweilen auf die Erkenntnisspitze getrieben wurden. Satzteile verwirren, inhaltliche Bezüge stehen weit auseinander, Worte bilden Kolonnen, Kaskaden, Dialektik entsteht als Erkenntnis und so als Belohung des Lesers, der mehr dafür tun muss, als ein 10 000 – Meterläufer. Broder aber ist die Inkarnation des Zeitungssoldschreibers, des tagespolitischen Beschwörers der am nächsten Tag bereits totgeredeten Bezüge. Er ist das, was Schopenhauer als erster auf uns zukommen sah und mit Schaudern beschrieb. Broders Zustand wiegt um so schwerer, da er weiß, wofür man ihn einkauft, und wozu seine mit den Jahren immer knapper werdenden Sätze, denen mehr und mehr die Kraussche Melodie, der Takt, das „musikalische Gefühl“, welches für den guten Schreiber zur Grundvoraussetzung gehört, abhanden kam, ja abhanden kommen musste.

5 Literarische Ambitionen, Gedichte, Szenisches und Aphorismen

Es gibt von Broder nicht einen Hauch, nicht eine Nuance Literatur. Fressorgien sind alles, was er je „überhöht“ beschrieb. Kraus aber trug nicht nur Auszüge der Werke seiner literarischen Favoriten bei öffentlichen Auftritten vor, das Kraussche Werk selbst besteht nahezu zur Hälfte aus Äußerungsformen, die man als literarisch bezeichnen kann. „Die letzten Tage der Menschheit“ wird in einem Atemzug mit den großen Werken genannt, die im Zuge der Erschütterung des ersten Weltkrieges entstanden. Ein echter Klassiker. Aber vor allem zeigt er eine weitere Stärke von Kraus, nämlich die Fähigkeit zur szenischen Darstellung. Kraus bildet Politik ab, in dem er aus Menschen Figuren seiner Phantasie macht, denn das ist die Aufgabe des Literaten: Begebenheiten so zu verändern, zurecht zu stoßen, um damit „gültige Typen“, wie es Alfred Polgar in seinem Nachruf über Kraus sagte, herzustellen. Broder kann das nicht, allzumal er nicht zu abstrahieren vermag, keinen Abstand entwickelt, zu keiner Gelassenheit findet, die doch aber so notwendig ist, um wirklich qualitative Arbeiten vorzulegen, abzugeben. Zeitlose Miniaturen, ewig gültige Charakterisierungen – nichts dergleichen. Er belässt es bei zynischen „Feuilleton-Foppereien“ oder drastischen und direkten Beleidigungen – ohne Esprit, ohne auch nur den Versuch daraus ein artifizielles Kleinod entstehen zu lassen. Sein Adressat ist ein Milieu grenzgängerischer, psychologisch als monomanische Polit-Autisten zu bezeichnende Fans und asphaltschriftumsgelehriger Macht-Kommis. Jedes Fass ist eins ohne Boden.
Karl Kraus verfasste unzählige Aphorismen, kurze und längere Ausführungen zu Themen aller Art, in denen er meist prägnant das Wesen einer Sache beschrieb, Dazu kamen viele Gedichte unterschiedlichsten Inhaltes. Einige vertonte er sogar und trug sie vor. Der einzige Zweizeiler, das einzige Gedicht, resp. der einzige Aphorismus, der im Werke Broders nach langen Recherchen ausfindig gemacht werden konnte, lautet:

Deutscher, trägst du Frauenkleider
Hilft der BDM dir weiter!

Er zeigt gleichzeitig, wo es bei Broder hapert: Nicht einmal hier vermag er einen wirklich tragfähigen Reim herzustellen, denn „der“, reimt sich so wenig auf „ter“, wie Amateurgedichte von Heimatfreu(n)den eben diese adäquat wiedergeben, nämlich: eher nicht.

6 Fazit

Keinen literarischer Entwurf, keine szenischen Darstellungen, keine Gedichte, keine Aphorismen, kein Gesang, keine Interpretation klassischer Stücke oder eigener Produkte – NICHTS! Broders „Werk“ ist eine Lehrstelle, wenn wir einmal von tagespolitischen Erektionen absehen, die sich selten auf einen logisch geführten Nachweis des behandelten Gegenstandes einlassen, es sei: er frisst. Ganz anders Kraus, der den jeweiligen Konflikt „lebte“, der ganz und gar darin eintauchte. Angemessene Liberalität und notwendige Einsprüche gegen verschiedene Äußerungsformen bilden bei ihm keinen Gegensatz, widersprechen sich auch inhaltlich nicht. Willkür findet nicht statt. Verhöhnt werden die, die es verdienen, nicht die, deren Verhöhnung einen Lustgewinn der fünften Qualität verspricht.

Dass man Partei ergreift für zu Unrecht Verfolgte, für Prostituierte, für ohne Schuld zu Kurzgekommene, für Justizopfer, für den Einzelnen – das musste Karl Kraus nicht erklärt werden. Er hat sich nicht bei den Verfolgern, den Herrschenden, den Tätern, der Masse angebiedert. Broder in Krausens geistige Nähe zu bringen, hieße, Hitler und Chaplin gleichzusetzen, weil sie ein ähnliches Bärtchen trugen. Das allerdings, und von mir aus diese unanständigen Bärtchen gleich mit, verbietet die Pietät.

Tanja Krienen(die mit Broder schon einige Auseinandersetzungen geführt hat)

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