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Satiriker von A bis OhOh | 20.03.2005 | druckansicht

Ameisen und Bullenschweine

Früher war es auch nicht besser und die Schandmäuler mussten sich schon damals selbiges über die immer noch bekannten Schändlichkeiten zerreißen. Deswegen lässt der Helgoländer Vorbote sie auch einfach selber zu Wort kommen: Satiriker sagen schlimme Dinge über schlimmere Dinge. In Teil 1: Diensteifer, Palästina-Politiker, Bullenschweine, Überstunden, Massensterben.

Diensteifer

Es steht ein Schutzmann am Potsdamer Tor,
Er zieht sein Notizbuch sorgsam hervor,
Die Menge, sie eilt, der Schutzmann bleibt,
Er steht auf dem Platze und schreibt und schreibt.

Was schreibt er so emsig, so eifrig, so schnell?
Die Nummern der Droschken eventuell,
Die nicht genügend lackiert und geschmiert
Und nicht korrekt auf dem Standplatz postiert,
Und abends nicht rechtzeitig illuminiert,
Wohl gar in falschem Tempo geführt,
Die werden, wie sich´s gebührt, notiert.

Zur selbigen Zeit im äußersten Nord,
Begiebt sich ein grauenerregender Mord,
Ein Lüstling – ein Mädchen – etcetera –
Der Frevler entkommt – kein Schutzmann ist da.
Wohl uns, dass er zur nämlichen Frist
An anderer Stelle vorhanden ist,
Allwo er die Ruhe der Bürger beschützt
Und wo sein Schreiben der Ordnung nützt.

Da steht er, der Blaue, der liebe, der gute,
Er schreibt fünf Seiten in der Minute,
Er schreibt, umgeben vom Weltstadtgeschrei,
Er schreibt sich den Bast an den Fingern entzwei,
Er schreibt, er notiert, korrigiert und streicht,
Er schreibt solange der Bleistift reicht,
Und ist der verbraucht, so spitzt sich der Mann
Sofort einen zweiten, noch längeren an,
Er schreibt mit Eifer, er schreibt mit Kraft,
Er schreibt energisch und massenhaft,
Er schreibt an seinem Schreibeberichte,
Er schreibt als schrieb´ er die Weltgeschichte,
Er schreibt sich wildes Fleisch an die Hand,
Er schreibt auf seinen Posten gebannt,
Bis keine Seite mehr übrig bleibt
In seinem Notizbuch,
Er schreibt. Er schreibt!

(Alexander Moszkowski , Der Schutzmann schreibt)

Palästina-Politiker


Der König David steigt aus seinem Grabe,
Greift nach der Harfe, schlägt die Augen ein
Und preist den Herrn, dass er die Ehre habe,
Dem Herrn der Völker einen Psalm zu weihn.
Wie einst zu Abisags von Sunem Tagen
Hört wieder man ihn wild die Saiten schlagen,
Indes sein hehres Preis- und Siegeslied
Wie Sturmesbrausen nach dem Meere zieht.

Willkommen, Fürst, in meines Landes Grenzen,
Willkommen mit dem holden Ehgemahl,
Mit Geistlichkeit, Lakaien, Exzellenzen
Und Polizeibeamten ohne Zahl.
Es freuen rings sich die historschen Orte
Seit vielen Wochen schon auf deine Worte,
Und es vergrößert ihre Sehsuchtspein
Der heiße Wunsch fotografiert zu sein.

Ist denn nicht deine Herrschaft auch so weise,
Daß du dein Land getrost verlassen kannst?
Nicht jeder Herrscher wagt sich auf die Reise
Ins alte Kanaan. Du aber fandst,
Du seist zu Hause momentan entbehrlich;
Der Augenblick ist völlig ungefährlich.
Und wer sein Land so klug wie du regiert,
Weiß immer schon im voraus, was passiert.

Es wird die rote Internationale,
Die einst so wild und ungebärdig war,
Versöhnen sich beim sanften Liebesmahle
Mit der Agrarier sanftgemuten Schar.
Frankreich wird seinen Dreyfus froh empfangen,
Als wär auch er zum Heiligen Land gegangen.
In Peking wird kein Kaiser mehr vermisst,
Und Ruhe hält sogar der Anarchist.

So sei uns denn noch einmal hoch willkommen
Und laß dir unsere tiefste Ehrfurcht weihn,
Der du die Schmach vom heiligen Land genommen,
Von dir bisher noch nicht besucht zu sein.
Mit Stolz erfüllst du Millionen Christen;
Wie wird von nun an Golgatha sich brüsten,
Das einst vernahm das letzte Wort vom Kreuz
Und heute nun das erste deinerseits.

Der Menschheit Durst nach Taten lässt sich stillen,
Doch nach Bewundrung ist ihr Durst enorm
Der du ihr beide Dürste zu erfüllen
Vermagst, sei´s in der Tropenuniform,
sei es in Seemannstracht, im Purpurkleide,
Im Rokoko-Kostüm aus starrer Seide,
Sei es im Jagdrock oder Sportgewand, 
Willkommen, teurer Fürst, im Heiligen Land!

(Frank Wedekind, Im Heiligen Land)

Bullenschweine

Hört ihr Kinder, wie es jüngst ergangen
Einem Zoologen in Berlin!
Plötzlich führt ein Schutzmann ihn gefangen
Vor den Untersuchungsrichter hin.
Dieser tritt ihm kräftig auf die Zehen,
Nimmt ihn hochnotpeinlich ins Gebet
Und empfiehlt ihm, schlankweg zu gestehen,
Daß beleidigt er die Majestät.

Dieser sprach: „Herr Richter, ungeheuer
Ist die Schuld die man mir unterlegt;
Denn, daß eine Kuh ein Wiederkäuer,
Hat noch nirgends Ärgernis erregt.
So weit ist die Wissenschaft gediehen,
Daß es längst in Kinderbüchern steht.
Wenn Sie das auf Majestät beziehen,
Dann beleidigen Sie die Majestät!

Vor der Majestät, das kann ich schwören,
Hegt ich stets den schuldigsten Respekt;
Ja es freut mich oft sogar, zu hören,
Daß man den Beleidiger entdeckt;
Denn dann wird die Majestät erst sehen,
Ob sie majestätisch nach Gebühr.
Deshalb ist ein Mops, das bleibt bestehen,
Zweifelsohne doch eine Säugetier.

Ebenso hab vor den Staatsgewalten
Ich mich vorschriftsmäßig stets geduckt,
Auf Kommando oft das Maul gehalten
Und vor Anarchisten ausgespuckt.
Auch wo Spitzel horchen in Vereinen,
Sprach ich immer harmlos wie ein Kind.
Aber deshalb kann ich von den Schweinen
Doch nicht sagen, daß es Menschen sind.

Viel Respekt hab ich vor dir, o Richter,
Unbegrenzten menschlichen Respekt!
Läßt du doch die ärgsten Bösewichter
In Berlin gewöhnlich unentdeckt.
Doch wenn „Hoch!" zu rufen ich mich sehne
Von dem Schwarzwald bis nach Kiautschau,
Bleibt gestreift deshalb nicht die Hyäne,
Nicht ein schönes Federvieh der Pfau?“

Also war das Wort des Zoologen,
Doch dann sprach der hohe Staatsanwalt;
Und nachdem er alles wohl erwogen,
Ward der Mann zu einem Jahr verknallt.
Deshalb vor Zoologie-Studieren
Hüte sich ein jeder wenn er jung;
Denn es schlummert in den meisten Tieren
Eine Majestätsbeleidigung.

(Frank Wedekind, Der Zoologe von Berlin)

Überstunden

Bei den fleißigen Ameisen herrscht eine sonderbare Sitte: Die Ameise, die in acht Tagen am meisten gearbeitet hat, wird am neunten tage feierlich gebraten und von den Ameisen ihres Stammes gemeinschaftlich verspeist.
Die Ameisen glauben, dass durch dieses Gericht der Arbeitsgeist der Fleißigsten auf die Essenden übergehe.
Und es ist für eine Ameise eine ganz außerordentliche Ehre feierlich am neunten Tage gebraten und verspeist zu werden.
Aber trotzdem ist es einmal vorkommen, dass eine der fleißigsten Ameisen kurz vorm Gebratenwerden noch folgenden kleine Rede hielt:
„Meine lieben Brüder und Schwestern! Es ist mir ja ungemein angenehm, dass ihr mich so ehren wollt! Ich muß euch aber gestehen, dass es mir noch angenehmer sein würde, wenn ich nicht die fleißigste gewesen wäre. Man lebt doch nicht bloß, um sich totzuschuften!“
„Wozu denn?“ schrieen die Ameisen ihres Stammes – und sie schmissen die große Rednerin schnell in die Bratpfanne – sonst hätte dieses dumme Tier noch mehr geredet.Massensterben

(Paul Scheerbart, Die gebratene Ameise)

Massensterben

Einmal kommt – ich habe Zeichen – Sterbesturm aus fernem Norden – Überall stinkt es nach Leichen. Und es beginnt das große Morden.

Finster wird der Himmelsklumpen, Sturmtod hebt die Klauentatzen,Niederstürzen alle Lumpen, Mimen bersten. Mädchen platzen.

Polternd fallen Pferdeställe. Keine Fliege kann sich retten. Schöne homosexuelle Männer kullern aus den Betten.

Rissig werden Häuserwände. Fische faulen in dem Flusse. Alles nimmt ein ekles Ende. Krächzend kippen Omnibusse.

(Alfred Lichtenstein, Prophezeiung)

Kommentare

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27.02.06 08:35, Shaaf

Genau so muss es sein Gruß an die dies geschrieben haben!

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