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Mit der Titanic auf der Couch | 09.04.2006 | druckansicht

Satire-Magazin sexualisiert Teenie-Band

Es wird, liebe Titanic, eine neue Rubrik, ähnlich anbiedernd wie eure "Briefe an die Leser" (deren einziger Satiregehalt ja der ist, sich gerade an definitive Nicht-Leser zu wenden) - allerdings mit deutlich größerem Wohlfühl-Faktor und erheblich gesteigertem Nutzwert. Wir legen uns ab sofort jeden Monat mit euch auf die Couch. Wegen der großen Beratungsnachfrage von Seiten der Politik bitten wir aber um euer geschätztes Verständnis, dass wir jeweils nur eine Sitzung anbieten können. Für weitergehende Lebenshilfe vermitteln wir aber gerne.
Liebe Titanic, damit ihr euch beim ersten Mal nicht gleich ausziehen müsst, legt euch einfach so wie ihr seid auf unser Redaktions-Kanapee. Mit Schuhen und verkleckertem Sakko.

Denn ehrlich, schon euer Äußeres macht uns Sorgen. Es war auch der konkrete Anlass, die Sofa-Stunde mit euch einzurichten. Euer April-Cover - es offenbart ganz, ganz große Probleme.

Doch bauen wir zunächst Vertrauen zum Patienten auf. Es gibt auch Hoffnungsvolles. Mit großer Erleichterung haben wir gesehen, dass ihr bis vier zählen könnt. Ohne Verhaspeln, ohne missglückten Gag-Versuch. Einfach: vier. Zumindest als Team habt ihr das irgendwie organisiert bekommen, das ist großartig.

Aber was sind das da für vier. Vier Pilze? Vier Autos? Vier Schnecken? Nein, es sind vier kleine Jungs, die derzeit die Teeny-Welt hormonisieren. Was aber um alles in der Welt machen erwachsene Redakteursfinger daran? Ihr habt ja als "Neue Frankfurter Geschichte" alle bereits das Klimakterium hinter euch. Da fragen wir uns: wieso reiben sich gereifte Männer, die mick Jagger und David Gilmour musikalisch sozialisiert worden sind, an zarthäutigen Jungs, die gesellschaftlich unbedenklich verehren und hassen darf, wer etwa 30 Jahre jünger ist als ihr es seid.

Sicher, ihr habt fast alle den Anschluss verpasst, habt euch über die Jahrzehnte Tag ein Tag aus über eure mega-geile Satire kaputtgelacht oder euch über das dämliche Dortmunder Publikum echauffiert, dass die maga-geile Satire nicht checkt. Und leider - aber das hätten euch natürlich Kollegen spätestens sagen müssen, als ihr in der Mensa nach dem Studentenausweis gefragt worden seid - leider ist mega-geile Satire keine gute Weiberanmache. Und so bliebt ihr pimperlos. Das ging lange gut, und es hatte unstreitig auch viele Vorzüge: ihr durftet rauchen wann und wo und wie ihr wolltet, die Socken anlassen und dem Abwasch mit Biff beikommen.

Aber jetzt wächst der Druck. Neben der geborstenen biologischen Pipeline werdet ihr von allen öffentlichen Seiten bedrängt - vorneweg von eurem Frankfurter Kollegen Frank, der unmissverständlich jeden zum Totalversager erklärt, der an der Aufgabe der Vererbung gescheitert ist.

Doch was ihr auch tut, ob Fußball-WM nach Deutschland holen oder Arbeitsplätze für Maurer schaffen - immer und immer stoßt ihr nur bei Jungs auf Resonanz, denn die wenigen Mädel, die auf dieses sehr dumpfe Balzen abfahren, sind bei der NPD unter Vertrag.

"Vier gute Gründe gegen Kinder", versucht ihr, liebe Titanic, euch in der kollektiven Biografieglättung. Denn das, was ihr jetzt als Beweis anführt, soll ja euren verpennten Beischlaf vor 17, 18 Jahren legitimieren: "Wir hätten ja gekonnt, aber wir wollten nicht, weil wir aktiv Tokio Hotel verhindern mussten!"

Liebe Titanic, ihr projiziert. Ganz gewaltig. Ihr neidet Minderjährigen den vermuteten, PR-geblasenen heterosexuellen Erfolg.
Will Martin kaschieren, dass er - einsam im Berliner Büro abgestellt - auf den hüftnackenden Bill masturbiert? Müssen wir Angst haben, wenn Thomas "mal eben nach Schönbusch" geht? Wir können darüber reden, wenn ihr euch öffnet. Und wir machen euch gerne Mut: Lieber mit der Bravo wichsen als wirklich böse Dinge tun - und der Martin, der schaut schon so ein bisschen - also er macht uns jedenfalls Sorgen, und die sind ja, wenn wir uns andere Partei-Führer der Geschichte anschauen, schon rein statistisch nicht unbegründet.

Liebe Titanic, es ist gut, dass ihr eure Gefühle zulasst - und zeigt. Nur so können wir euch helfen. Bringt doch bitte für die nächste Sitzung ein neues Cover mit. Geht da ganz unverkrampft dran: erst ein bisschen Jogging, dann heißes Bad, 12 Liegestütz. Dann stellt euch so entspannt wie ihr seid vor den Spiegel. Schaut euch ganz in Ruhe an. Lasst euch wirken. Und ruhig atmen dabei, tief, aber ruhig, nicht ins Schnaufen kommen. Und dann setzt euch an den Schreibtisch, jeder an seinen, und entwerft das Mai-Cover. Toi, toi, toi.

PS: Kommentarvorschläge für die Einfältigen:
1. Nicht witzig
2. Nicht lustig
3. Satire muss nicht lustig sein.
4. Aber Satire könnte lustig sein.
5. Eben: üben!
6. Es übt doch schon, ihr müsst mehr motivieren
7. Ey ihr arschbacken alle seid voll verkackt alter
8. bin ein vöglein, ora bora
9. Habe gerade den Film auf DVD gesehen, hätte daher hier mehr Hintergrundinfos erwartet. Schwach!10. Die Partei, die Partei, die hat immer recht. 11. Mit solchen Kommentarvorschlägen verarscht ihr doch die Leser, oder? Das nervt mich an/ ab.12. @ 11: dann hau doch ab zu zyn13. Gibt es hier eigentlich auch echte Kommentare?

Kommentare

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09.04.06 23:55, 14

aba echt

10.04.06 00:26, Cem

Dieses "Lass doch die Kleinen, die haben eben ihre eigenen Werte" ist absolut bieder. Wir sind längst eine Runde weiter. Ihr verpasst den Anschluss.

10.04.06 15:29, Rütli Nachhilfeservice

Hi Cem, du sitzt in einem anderen Zug. Hier gehts doch offensichtlich null um "die Kleinen", die sind nicht Thema. Es geht um das Satire-Verständnis der Titanic. Und das ist nicht Runde X, sondern Metaebene. Und die Selbstkontrollfrage für zu Hause: Warum kann Tokio Hotel beim Vorboten niemals Thema sein, selbst wenns um Tokio Hotel geht? Liebe Grüße, Nina

14.04.06 00:58,

Da sich die Opposition aber leider immernoch als unwählbar präsentiert, bleib ich wohl trotz Pädophilenskandalen (wenn ich den Zusammenhang zwischen dem Titel und Wichsen mit der Bravo noch nicht ganz nachvollziehen konnte) weiter radikalen Provokationsblättern des Stumpfsinns wie dem "Spiegel" (Name geändert) fern und schicke mein Geld auch weiterhin zur Sie sicherlich trotzdem irgendwie lieb habenden Titanic

14.04.06 01:03,

Da sich die Opposition aber leider immernoch als unwählbar präsentiert, bleib ich wohl trotz Pädophilenskandalen (wenn ich den Zusammenhang zwischen dem Titel und Wichsen mit der Bravo noch nicht ganz nachvollziehen konnte) weiter radikalen Provokationsblättern des Stumpfsinns wie dem "Spiegel" (Name geändert) fern und schicke mein Geld auch weiterhin zur Sie sicherlich trotzdem irgendwie lieb habenden Titanic

14.04.06 01:04,

Oh, tschuldigung, wollte ich nicht zweimal reinschreiben. Na egal.

14.04.06 01:05,

Ihr seid ja nur neidisch, dass die MaxGoldt haben und ihr nicht. Der ist nämlich richtig geil *lechz*

21.07.06 00:47, UnTerrot(r)JoeBlak

Hääää? Seids ihr jetzt behindert, wo kämen wir hin wenn alle Zyniker auch noch Sex hätten, dann wären wir ja der Bildzeitung hilflos ausgeliefert...

12.10.06 18:41, Tenant

Wie kann man sich nur so unwitzig auskotzen über ein - wie ich finde - doch ziemlich witziges Cover. Oder ist euer Autor ein Hardcore-Tokio Hotel-Fan? Mir jedenfalls gehen die kleiner Scheisser schon seit langem ordentlich auf den Senkel - 30 Jahre jünger hin oder her!

19.08.07 20:31, red

also ICH finde das Cover richtig gelungen und es hat mir ein lautes Lachen abgerungen!

19.06.08 18:30, Gnup

Endlich einmal satirische Kritik, die sich nicht nur, aber vornehmlich in den etabliert bürgerlichen bahnen christianisierter wertkategorien dünkt, leider somit dazu verdammt, im infernalen scheitern geschmäcklerischen witzeleigemosers unterzugehen. eben dann fängt der inhalt doch an, die form nicht länger zu legitimieren; die dargebotene form der "satirischen kritik" nun letzlich kein anderes scheitern aufwerfen kann als ihr eigenes. weitermachen

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