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Kulturstreit | 01.12.2009 | druckansicht

Das FAZ-Milchmädchen und der Verbraucherschutz

Ob es staatlich finanzierte Verbraucherzentralen braucht, ist eine berechtigte Frage. So berechtigt wie die Frage nach der Notwendigkeit von Grünanlagen, Staatstheatern, Philharmonien, Museen, Filmförderung, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Bei jährlichen Gesamtausgaben von rund  1,2 Billionen Euro (von denen allein beim Bund ja 290 Milliarden gar nicht vorhanden sind, also geliehen werden müssen), ist jedes Infragestellen eine gute journalistische Tugend. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) beklagte unlängst Bettina Weiguny nicht nur die Kosten der Verbraucherzentralen, sie fühlt sich von einem "Heer der Verbraucherlobbyisten" entmündigt und nach Nordkorea versetzt. "Gesunder Menschenverstand" sowie ein gewisses Vermögen im Lesen und Schreiben genügten, um den "Tricksern und Betrügern und Gaunern, vor denen wir geschützt werden wollen" erfolgreich zu widerstehen (eventuell braucht es ein bisschen staatliche Hilfe, dafür gibt es ja "ein Verbraucherministerium, ein Institut zur Risikoermittlung, Lebensmittelkontrolleure, die Finanzaufsicht Bafin und einen Haufen anderer Institutionen". Dass Bettina Weiguny die nicht-staatliche Kontrollinstanz Journalismus unerwähnt lässt, mag ein erster Anflug von Selbstzweifel sein.)
Ob der gesunde und mittelstufengeschulte Verstand ausreicht, etwa die gustatorische  Verarmung zu erkennen, mag stark von der eigenen Vorernährung abhängen. Beim Blick in die Einkaufswagen an den Supermarktkassen des Landes mag ich jedenfalls regelmäßig hoffen, der Inhalt möge nicht zu Ernährungszwecken von Menschen nach Hause getragen werden, die über gutes und schlechtes Essen schreiben - und über unnötige Einsatzgebiete der "Verbraucherschützer". Weiguny schreibt in ihrem emanzickigen Hilferuf: "Ich muss Philadelphia ja nicht kaufen, auch keine ESL-Milch, den Aufreger der vergangenen Wochen (siehe Viele Milchtüten sagen nicht die Wahrheit). Die schmeckt wie frische, wird aber anders hergestellt. Auch wir haben uns gewundert über die neue Milch, die vier Wochen haltbar ist. Dann aber festgestellt: Ist okay, schmeckt wie frische."

Es entspricht unserer antidiskriminierenden Grundhaltung, dass freilich auch gehörlose Mitmenschen Musikrezensionen schreiben. Das mag hilfreich für andere Taube sein, es mag auch Erkenntnisse bringen für die, die Hören. Aber im Feuilleton schreiben doch eher wenig Taube übers Hören, weil - ganz Kapitalismus - das auf dem Markt besser kommt. Edel, hilfreich und gut wäre es, dies auch bei Geschmacksrezensionen derart zu halten. Oder ansonsten einen kleinen Vermerk anzufügen, wie ich ihn übrigens schon lange nicht mehr bei amtlichen Schreiben gefunden habe: "Dieser Brief wurde von einer blinden Stenotypistin getippt."

Es werden ganz furchtbare Dinge in Deutschland konsumiert. Schnitzel aus dem Toaster, Hamburger aus dem Kühlreagal oder diverse Schleimprodukte mit Handelsbezeichnungen wie "Lasagne Bolognese " oder "Brokkoli-Gratin". Das ist, mag Kollegin Weiguny entgegnen, nicht weiter tragisch, der Schwachsinn ist vielleicht geradezu Faktura für die Freiheit. Ich vermute in der Pappschachtel mit tiefgefrorenem Döner-Separatorenfleisch allerdings weit Größeres.

Es könnte sich um eine Langzeitkonditionierung  des Katastrophenschutz' handeln, eine Vorbereitung auf den Überlebenskampf der deutschen Rasse im Atomschutzbunker bei Salamiebrot aus der Tube und 24/7 Zoff mit Emily und Gerechtigkeit mit Alex.  Da Politik und Verwaltung allerdings bisher noch nie mit langfristiger Planung überzeugt haben, ist dieses Szenario fiktional.
Nicht von der Hand zu weisen ist hingegen das Interesse der Nahrungsmittel zersetzenden Industrie. Statt auf die Gentechnik zu warten, wird ein Markt von  Zucker-, Glutamat- und Kunstaromaabhängigen geschaffen.
(Zwei aktuelle Kurzepisoden dazu. A: Buchmesse, lange Schlage am Brezelofenstand. Er: "Boah, dauert das hier." Sie: "Dafür sind die aber ganz frisch." Aber wie will man das den Leuten vorwerfen, die noch nie in ihrem Leben einen Bäcker und eine Bäckerei gesehen haben.
Episode B: Donnerstagabend, Lidl, am Kühlregal, er zu ihr: "Oh ja, lass uns heute Abend mal richtig gemütlich machen und selber Pizza backen." Ich muss nicht betonen, dass er nicht nach der Hefe griff, sondern ein Produkt namens "Pizzakombi", das Tomatensuppe und den "Teig" fertig ausgerollt enthält, mit Reibekäse und Salami zu bestücken gedachte. Sie jedenfalls strahlte und jubilierte noch ein "aber dann möchte ich auch ein bisschen Paprika drauf haben".)  

Auf eben diesem Level bedient Bettina Weiguny ihr Publikum, wenn sie allen Ernstes von sich gibt, ESL-Mich "ist okay, schmeckt wie frische." Es steht zu befürchten, dass Frau Weinguny noch nie "frische Milch" getrunken hat, - frisch im wörtlichen und tatsächlichen Sinne, ohne von den Verbraucherschützern beklagte Begriffsbeugungen (denn danach nennt sich das, was eine Kuh an frischer Milch liefert, molkereitrotzig "Rohmilch"). Aber auch die pasteurisierte Milch (neudeutsch jetzt: "traditionell hergestellt") lässt sich selbst mit einem halben Burger im Mund zweifelsfrei von ESL-Milch unterscheiden (insbesondere so sie nicht mikrofiltriert wurde), wenn man denn überhaupt eine Ahnung von Milchgeschmack hat.

Es ist ja keine Schande, wenn jemand nichts mehr schmeckt. Aber dann rufe ich doch um Hilfe und mache mich nicht zur Geschmacksführerin. Wie gut, dass es noch ein paar bezahlte Tester gibt, die  ihr Geschmacksurteil auf Fakten bauen - und wenn diese Tester von der Verbraucherschutzarmee sind. (Aber Vorsicht, gerade im Hause der FAZ kann man da auch an Leute wie Jürgen Dollase geraten, die zwar Bücher wie "Geschmacksschule" publizieren, aber unfähig sind, den 1-Euro-Hamburger von McDonalds zu essen und sich damit auch noch öffentlich vollständig der Lächerlichkeit preisgeben . Oder ist das ein von mir unverstandenes FAZ-Prizip, immer diejenigen an eine Sacher dran zu setzten, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben?)

Bei ESL-Milch und ihrer journalistischen Akzeptanz, um darauf zurückzukommen, wird schnell deutlich, wo das eigentliche Problem liegt (über das zu schreiben sich lohnen würde): Der Handel drückt ein Produkt in seine Regale, verdrängt damit anderes, der Verbraucher hat keine Wahl (und leider auch oft nicht die nötige Konstitution, um überhaupt wählen zu wollen) und schwupps - haben sich alle daran gewöhnt, dass es nur noch H-Milch gibt (die nicht so heißt). Der Vorteil für den Handel ist dabei nicht, dass die Milch länger im Regal stehen kann (es muss ein sehr toter Laden sein, in dem 10 Tage lang die selben Milchkartons im Kühlregal stehen), sondern dass die Milch von weit her angekarrt werden kann, - von dort, wo sie noch billiger produziert wird als in Deutschland mit derzeit rund 25 Cent pro Kilogramm.

Die Verbraucherschützer (die, by the way, in diesen Zentralen natürlich Verbraucherberater sind), so meint Bettina Weiguny, wollten uns ständig einreden, "die Welt der Produkte sei so kompliziert, dass wir jemanden brauchen, der für uns prüft, denkt und entscheidet, bevor wir etwas kaufen." Ähnliches behaupten auch manche Zeitungen von sich. Nicht alle natürlich zurecht.

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