Es entspricht unserer antidiskriminierenden Grundhaltung, dass freilich auch gehörlose Mitmenschen Musikrezensionen schreiben. Das mag hilfreich für andere Taube sein, es mag auch Erkenntnisse bringen für die, die Hören. Aber im Feuilleton schreiben doch eher wenig Taube übers Hören, weil - ganz Kapitalismus - das auf dem Markt besser kommt. Edel, hilfreich und gut wäre es, dies auch bei Geschmacksrezensionen derart zu halten. Oder ansonsten einen kleinen Vermerk anzufügen, wie ich ihn übrigens schon lange nicht mehr bei amtlichen Schreiben gefunden habe: "Dieser Brief wurde von einer blinden Stenotypistin getippt."
Es werden ganz furchtbare Dinge in Deutschland konsumiert. Schnitzel aus dem Toaster, Hamburger aus dem Kühlreagal oder diverse Schleimprodukte mit Handelsbezeichnungen wie "Lasagne Bolognese " oder "Brokkoli-Gratin". Das ist, mag Kollegin Weiguny entgegnen, nicht weiter tragisch, der Schwachsinn ist vielleicht geradezu Faktura für die Freiheit. Ich vermute in der Pappschachtel mit tiefgefrorenem Döner-Separatorenfleisch allerdings weit Größeres.
Es könnte sich um eine Langzeitkonditionierung des Katastrophenschutz' handeln, eine Vorbereitung auf den Überlebenskampf der deutschen Rasse im Atomschutzbunker bei Salamiebrot aus der Tube und 24/7 Zoff mit Emily und Gerechtigkeit mit Alex. Da Politik und Verwaltung allerdings bisher noch nie mit langfristiger Planung überzeugt haben, ist dieses Szenario fiktional.
Nicht von der Hand zu weisen ist hingegen das Interesse der Nahrungsmittel zersetzenden Industrie. Statt auf die Gentechnik zu warten, wird ein Markt von Zucker-, Glutamat- und Kunstaromaabhängigen geschaffen.
(Zwei aktuelle Kurzepisoden dazu. A: Buchmesse, lange Schlage am Brezelofenstand. Er: "Boah, dauert das hier." Sie: "Dafür sind die aber ganz frisch." Aber wie will man das den Leuten vorwerfen, die noch nie in ihrem Leben einen Bäcker und eine Bäckerei gesehen haben.
Episode B: Donnerstagabend, Lidl, am Kühlregal, er zu ihr: "Oh ja, lass uns heute Abend mal richtig gemütlich machen und selber Pizza backen." Ich muss nicht betonen, dass er nicht nach der Hefe griff, sondern ein Produkt namens "Pizzakombi", das Tomatensuppe und den "Teig" fertig ausgerollt enthält, mit Reibekäse und Salami zu bestücken gedachte. Sie jedenfalls strahlte und jubilierte noch ein "aber dann möchte ich auch ein bisschen Paprika drauf haben".)
Auf eben diesem Level bedient Bettina Weiguny ihr Publikum, wenn sie allen Ernstes von sich gibt, ESL-Mich "ist okay, schmeckt wie frische." Es steht zu befürchten, dass Frau Weinguny noch nie "frische Milch" getrunken hat, - frisch im wörtlichen und tatsächlichen Sinne, ohne von den Verbraucherschützern beklagte Begriffsbeugungen (denn danach nennt sich das, was eine Kuh an frischer Milch liefert, molkereitrotzig "Rohmilch"). Aber auch die pasteurisierte Milch (neudeutsch jetzt: "traditionell hergestellt") lässt sich selbst mit einem halben Burger im Mund zweifelsfrei von ESL-Milch
Es ist ja keine Schande, wenn jemand nichts mehr schmeckt. Aber dann rufe ich doch um Hilfe und mache mich nicht zur Geschmacksführerin. Wie gut, dass es noch ein paar bezahlte Tester gibt, die ihr Geschmacksurteil auf Fakten bauen - und wenn diese Tester von der Verbraucherschutzarmee sind. (Aber Vorsicht, gerade im Hause der FAZ kann man da auch an Leute wie Jürgen Dollase geraten, die zwar Bücher wie "Geschmacksschule" publizieren, aber unfähig sind, den 1-Euro-Hamburger von McDonalds zu essen und sich damit auch noch öffentlich vollständig der Lächerlichkeit preisgeben
Bei ESL-Milch und ihrer journalistischen Akzeptanz, um darauf zurückzukommen, wird schnell deutlich, wo das eigentliche Problem liegt (über das zu schreiben sich lohnen würde): Der Handel drückt ein Produkt in seine Regale, verdrängt damit anderes, der Verbraucher hat keine Wahl (und leider auch oft nicht die nötige Konstitution, um überhaupt wählen zu wollen) und schwupps - haben sich alle daran gewöhnt, dass es nur noch H-Milch gibt (die nicht so heißt). Der Vorteil für den Handel ist dabei nicht, dass die Milch länger im Regal stehen kann (es muss ein sehr toter Laden sein, in dem 10 Tage lang die selben Milchkartons im Kühlregal stehen), sondern dass die Milch von weit her angekarrt werden kann, - von dort, wo sie noch billiger produziert wird als in Deutschland mit derzeit rund 25 Cent pro Kilogramm.
Die Verbraucherschützer (die, by the way, in diesen Zentralen natürlich Verbraucherberater sind), so meint Bettina Weiguny, wollten uns ständig einreden, "die Welt der Produkte sei so kompliziert, dass wir jemanden brauchen, der für uns prüft, denkt und entscheidet, bevor wir etwas kaufen." Ähnliches behaupten auch manche Zeitungen von sich. Nicht alle natürlich zurecht.




