Der Klang von Hoffmanns »Lied der Deutschen« durch die letzten 165 Jahre belegt sehr schön die Absurdität einer »Nationalhymne«, die zusammengewürfelten Menschen (»Klumpen«) eine emotionale Identität geben soll. So ist das mit Herdentieren: einer singt vor und Millionen singen nach. Völlig egal, dass sich zwischen Hoffmanns Sorgen mit der Kleinstaaterei und den deutschen WM-Sicherheitssorgen die Welt gut 60.000 Mal gedreht hat, egal, dass niemand weiß, was seit Kohls blühenden Landschaften mit einem blühenden Vaterland für eine Ruine heraufbeschworen wird, egal, dass dieser Song der Weimarer Republik so recht war wie dem Dritten Reich und der Bundesrepublik Deutschland - et kütt wie et kütt und das Land der Dichter und Denker hat wahrlich besseres zu tun, als sich alle paar Jahre einen aktuellen Text zur Armut der Nation auszudenken.
»Deutschland, Deutschland über alles« wird zwar derzeit nur noch wenig gesungen - aber es ist das offizielle Programm in Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur - und falls es mehr geben sollte in Deutschland, dann auch dort. Und ganz nationaldeutsch ist damit nicht die »innere Einheit« gemeint - ach Gott, dafür gibts den Soli -, sondern der allgemeine deutsche Größenwahn: wir müssen Exportweltmeister bleiben, im PISA-Ranking nach vorne, wir holen uns den Medaillensieg. Ein Deutschland, das nicht über allen und allem steht oder wenigstens alles dafür tut, - ein solches Deutschland ist weiterhin nicht vorgesehen, so sehr Tucholsky es sich gewünscht hat (Zitat):
"Heimat
Aus Scherz hat dieses Buch den Titel »Deutschland, Deutschland über alles« bekommen, jenen törichten Vers eines großmäuligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht über allem und ist nicht über allem - niemals. Aber mit allen soll es sein, unser Land. Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch münden soll: Ja, wir lieben dieses Land.
Und nun will ich euch mal etwas sagen: Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich »national« nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.
Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands...!« Sie rufen »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.
Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen - wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand - nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.
Und so widerwärtig mir jene sind, die - umgekehrte Nationalisten - nun überhaupt nichts Gutes mehr an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle - so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen - aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln - mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel - mit genau demselben Recht nehmen wir Fluss und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen - weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitsliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn »Deutschland« gedacht wird... wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir."(Aus: Deutschland, Deutschland über alles




